Weniger gefährliche Chemikalien, mehr Schutz für Umwelt und Gesundheit

Höchste Polit-Auszeichnung für schwedische Chemikalien-Ausstiegslisten

von | 6. April, 2022

Stockholm führte als eine der ersten Regionen weltweit Ausstiegslisten für umwelt- und gesundheitsgefährdende Chemikalien ein und erhielt dafür den Future Policy Gold Award des World Future Council

Unsere Gastautorinnen Ingrid Fritsche und Anna-Lara Stehn sind Projekt- und Kommunikationsmanagerinnen des Future Policy Award beim World Future Council und stellen uns die Ausstiegslisten vor.

Die Region Stockholm hat es sich zum Ziel gemacht, Chemikalien, die für die Umwelt und die menschliche Gesundheit gefährlich sind, in der öffentlichen Beschaffung zu reduzieren. Damit nutzen sie das Potential der öffentliche Beschaffungswesen, das in den OECD-Ländern durchschnittlich 12 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) und in vielen Entwicklungsländern sogar bis zu 30 Prozent ausmacht.

Dafür hat die Region Stockholm 2021 den als Polit-Oscar bekannten Future Policy Award des World Future Council erhalten. Der Award zeichnet international Gesetze aus, die bessere Lebensbedingungen für heutige und zukünftige Generationen fördern.

Gefährliche Chemikalien – Eine stille Pandemie

In unserer heutigen Welt sind Chemikalien fast überall zu finden. Derzeit sind weltweit über 40.000 Industriechemikalien im Handel und jedes Jahr kommen Hunderte von neuen Chemikalien auf den Markt. Eine Entwicklung, die so dynamisch ist, dass ein angemessenes Chemikalienmanagement kaum mehr möglich erscheint. Die negativen Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt zeigen jedoch, dass genau das benötigt wird. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass allein im Jahr 2016 über 1,6 Millionen Menschen direkt oder indirekt durch Chemikalienbelastung gestorben sind. Und diese Zahl ist steigend.

Die versteckte Gefahr von Chemikalien. Foto: Pixabay

Diese Zahlen erschrecken und zeigen, wieso Vergiftungen durch gefährliche Chemikalien auch als „stille Pandemie“ bezeichnet werden: Die Auswirkungen sind nicht direkt sichtbar und so nur schwer direkt auf die gefährlichen Substanzen zurückzuführen. So wurden beispielsweise in Stockholmer Vorschulen in 90 Prozent des untersuchten Spielzeugs Weichmacher, sogenannte Phthalate, in unterschiedlicher Konzentration gefunden. Diese können langfristig Leber, Nieren, Lungen und das Fortpflanzungssystem der Kinder stören. 

Nachhaltige öffentliche Beschaffung in der Region Stockholm 

Welche Spielzeuge, Möbel und Alltagsgegenständen in Schulen, Kindergärten und anderen öffentlichen Einrichtungen Einzug halten, ist von den nationalen Beschaffungsstrategien abhängig. Bereits 1992 auf der Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro wurde hervorgehoben, welche wichtige Rolle das Beschaffungswesen bei nachhaltigen Produkten und Umweltschutz spielt. Durch die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung hielt die öffentliche nachhaltige Beschaffung auch Einzug in die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen. Neben der Hebelwirkung durch die enorme Kaufkraft im öffentlichen Bereich dient die öffentliche Hand auch als Vorbildfunktion gegenüber Verbraucher:innen.

Diese Wirkung hat die Region Stockholm bereits früh erkannt und umgesetzt: Um die Reduzierung von gefährlichen Chemikalien für die Umwelt und die Gesundheit von Bürger:innen, Arbeiter:innen und Patient:innen voranzutreiben, hat der Stockholmer Kreistag zwei Ausstiegslisten zugestimmt. Die Listen beinhalten Chemikalien und chemische Produkte, die z.B. im Gesundheitswesen, in Laboren, in der Zahnmedizin, in der IT, in der Reinigung oder in Textilien zum Einsatz kommen. Darunter sind beispielsweise allergieauslösende Duft- oder Konservierungsstoffe. Mit diesen Listen verbietet der Kreistag den Einkauf und die Beschaffung von Chemikalien und chemischen Produkten sowie von Waren und toxischen Verbrauchsmaterialien, die in eine große Reihe der folgenden Kategorien fallen, wie zum Beispiel: „Kann Krebs verursachen“ und „Kann vererbbare genetische Schäden“ verursachen.

Der schwedische Palast in Stockholm. Foto: Pixabay

Diese Listen sind verbindlich für alle Produkte, die von der Stockholmer Kreisverwaltung beschafft werden. Seit 2012 wurde ein großer Teil der gefährlichen Chemikalien aus dem Verkehr gezogen, insbesondere im Gesundheitssektor. Dort wurde eine 90-prozentige Reduzierung der Nutzung von gelisteten Substanzen von 1.135kg auf 115kg gemeldet.

Eine vorbildliche Politik über Schwedens Ländergrenzen hinaus

Die Politik der Region Stockholm zeigt, dass der Ausstieg aus den gefährlichsten Chemikalien ohne negative Folgen für die wirtschaftliche Entwicklung aber mit positivem Nutzen für die Gesellschaft möglich ist. Die Ausstiegslisten sind öffentlich, auf Englisch verfügbar und dienen als Inspiration für Regionen und Landkreise in Schweden sowie anderswo.So kann auch Deutschland von seinem europäischen Nachbarland lernen: Die öffentliche Beschaffung spielt auch hierzulande mit einem Volumen von rund 500 Milliarden Euro eine sehr wichtige Rolle.

Städtische Beschaffungsstrategien wie der Hamburger Umweltleitfaden können sich von den schwedischen Listen inspirieren lassen, von diesem positiven Beispiel lernen und ähnlich wirksame Chemikalienreduktionsmaßnahmen ergreifen, um die Umwelt und die Gesundheit von Bürger:innen besser zu schützen. Der World Future Council setzt sich dabei ein, die Stockholmer Listen bekannter zu machen, um die öffentliche Beschaffung in möglichst vielen Regionen und Ländern grüner, gesünder und giftfreier zu gestalten.

Beitragsbild: jarmoluk/ Pixabay

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