Die nächste Stufe des Upcycling

Aus alten Plastikflaschen entstehen hochwertige, günstige und nachhaltige Prothesen

von | 25. November, 2021

Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass über eine Milliarde Menschen ein oder mehrere Hilfsmittel wie Hörgeräte, Rollstühle und Prothesen benötigen. Aber nur ein Zehntel davon hat auch wirklich Zugriff darauf. Forschende und Freiwillige wollen das ändern, mit innovativen und auch nachhaltigen Ideen.

Bereits 2019 entwickelte Dr. Karthikeyan Kandan von der De Montfort University in Leicester, England, einen Prothesenschaft aus recycelten Plastikflaschen. Der Maschinenbau-Professor zermahlte dafür die alten Flaschen erst zu einem Granulat, aus dem er dann Polyestergarn herstellte. Das Garn konnte zu einem „festen, aber dennoch leichtem Material“ verarbeitet und anschließend zu Prothesen und Prothesenschaften verformt werden.

Eine neue Chance

Dadurch, dass er aus recycelten Plastikflaschen besteht, ist so ein Prothesenschaft nicht nur eine nachhaltigere, sondern auch eine günstigere Option. Die Produktionskosten sollen bei nur zehn Pfund, also rund 12 Euro, liegen – nur ein Bruchteil der umgerechnet fast 6.000 Euro, die ein herkömmlicher Schaft durchschnittlich koste. 

80 Prozent der Menschen mit einer Behinderung leben im globalen Süden. Viele von ihnen brauchen ein Hilfsmittel, besitzen aber keins, weil sie es sich nicht leisten können.

„Es gibt so viele Menschen in Entwicklungsländern, die von hochwertigen Prothesen wirklich profitieren würden, sie sich aber leider nicht leisten können. […] Das Ziel dieses Projekts war es, günstigere Materialien zu finden, die wir nutzen könnten, um diesen Menschen zu helfen – und das haben wir getan.“

Dr. Karthikeyan Kandan

Zwei Patienten in Indien haben den upgecycelten Prothesenschaft schon ausprobiert, weitere Tests mit Menschen aus anderen Ländern seien geplant. Dr. Kandans Entwicklung wird auf der Expo 2020 in Dubai präsentiert, die von Oktober 2021 bis Ende März 2022 stattfindet.

Den Kreislauf schließen

In der Schweiz startete schon 2018 eine ähnliche Initiative. Aus einer Hausarbeit zweier Studierender im Fach industrielles Design, entwickelte sich das Project Circleg

Project Circleg arbeitet an hochwertigen und bezahlbaren Beinprothesen für Menschen im globalen Süden. Diese werden aus Altplastik hergestellt, das vor Ort eingesammelt, recycelt und verarbeitet wurde. Wenn die Prothesen oder Teile davon beschädigt werden, soll es möglich sein, auch diese immer wieder zu recyceln und einzusetzen.

Die Entwicklungsphase wurde im letzten Jahr beendet, 2022 möchte Project Circleg mit der Produktion in Ostafrika beginnen.

Vom Haareschneiden zum Hilfsmittel

In einer ganz anderen Ecke der Welt, nämlich in Australien, sammeln eine ehemalige Friseurin und ein ehemaliger Friseur die Abfälle vieler Haarsalons, lassen sie per Hand trennen und sortieren und machen dann aus Haarresten Kompost, aus alten Shampoo- oder Conditioner-Flaschen beispielsweise Hand- und Armprothesen. Nach eigenen Angaben konnten sie so verhindern, dass 90 Prozent des Abfalls auf Mülldeponien landen.

Beitragsbild © Circleg

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Simone Hencke

Simone ist in Deutschland aufgewachsen, in Kanada zur Schule gegangen, für ihr Bachelorstudium in die Niederlande gezogen, später für ihr Masterstudium dann nach Japan. Sie denkt oft – vielleicht zu oft? – darüber nach, wie faszinierend und spannend das Leben, unser Planet und das Universum doch sind und interessiert sich deswegen für so gut wie alles, insbesondere aber für Nachhaltigkeit, Umwelt- und Klimaschutz und Veganismus.

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