Ein Interview mit der Initiatorin von Selbstbestimmt Steril e.V. 

das ist ein GNM+ ArtikelTabuthema Sterilisation: Die Selbstbestimmung über den eigenen Körper ist wichtig

von | 12. November, 2023

Während Personen mit Uterus in der Regel problemlos ein Rezept für klassische Verhütungsmethoden erhalten, ist die weibliche Sterilisation für viele Ärztinnen und Ärzte fast ein Tabuthema. Genau jene Praxen zu finden, die auch diese Art der (Nicht-)Familienplanung und das Recht auf die Entscheidung über den eigenen Körper unterstützen, erleichtert seit 2019 der Verein Selbstbestimmt steril.

Das ist ein Beitrag aus unserem vierten Printmagazin mit dem Thema “(Keine) Kinder”. Diesen und weitere exklusive Beiträge gibt’s im GNM+ Abo

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Statt “Person mit Uterus” könnten wir auch einfach “Frauen” schreiben. Damit würden wir aber alle Menschen mit Gebärmutter ausschließen wie z. B. nicht-binäre Menschen oder trans Männer. Auch jene können schwanger werden. 

Die Webseite des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend listet unter dem Punkt “Familie” an dritter Stelle “Kinderwunsch und Familienplanung” auf. Es wird unter anderem über Familienplanung, ungewollte Kinderlosigkeit, Adoption und den Schwangerschaftsabbruch informiert. Am 24. Juni 2022 beschloss der Deutsche Bundestag die Aufhebung des Werbeverbots für Schwangerschaftsabbrüche – Ärztinnen und Ärzte machen sich zukünftig nicht mehr strafbar, wenn sie z.B. auf ihren Websites darüber informieren, dass sie Schwangerschaftsabbrüche vornehmen. Dennoch bleibt der Schwangerschaftsabbruch bis auf jene vom Bundesministerium gelisteten Ausnahmen – u.a. eine Beratung, medizinische oder kriminologische Gründe – gemäß § 218 Strafgesetzbuch (StGB) weiter strafbar. Das Thema ist ein heikles und selbst bei einer Legalisierung wird man nicht um den Deutungskampf kommen, ab wann Leben Leben ist. Dass die Deutungshoheit über den weiblichen Körper jedoch schon vor der Befruchtung beginnt, ist weitaus weniger Menschen bewusst. Nämlich genau in dem Moment, in dem eine Person mit Uterus bei der Gynäkologin oder dem Gynäkologen vorstellig wird und eine Sterilisation verlangt. 

Diese spielt in Deutschland so gut wie keine Rolle. Eine Erhebung des Robert-Koch-Institutes 2022 ergab, dass über die Hälfte der Frauen (62,1 Prozent) und Männer (57 Prozent) die Pille als Verhütungsmethode nutzen. Ein Kondom nutzen 44,1 Prozent der Frauen und 64,2 Prozent der Männer zur Verhütung. Die Sterilisation kommt bei beiden Gruppen nur auf fünf Prozent. Weltweit sieht das laut UN anders aus: Die Sterilisation der Frau ist die am häufigsten angewandte Verhütungsmethode. Im Jahr 2019 griffen 23,7 Prozent der Frauen – das sind ca. 219 Millionen Frauen – auf die weibliche Sterilisation zurück. Das Kondom (189 Millionen), die Spirale (159 Millionen) und die Pille (151 Millionen) nahmen die Folgeplätze ein. Die hohe Zahl der Sterilisationen kommt vor allem durch den hohen Einsatz in Zentral- und Südasien. Warum sieht es aber in Deutschland so viel anders aus? 

Selbstbestimmt steril? 

Ich hatte mich persönlich nie mit dem Thema befasst, weil mir die Möglichkeit einer Sterilisation zu keiner Zeit aktiv vermittelt wurde. Weder im Biologieunterricht in der Schule noch von meinem Gynäkologen. Doch als ich bei der Recherche zu einem anderen Good News Artikel auf diese UN-Zahlen stieß, legte sich plötzlich ein Schalter um. Wäre das eine Idee? So sehr andere Frauen unbedingt Mutter werden wollen, so sehr möchte ich es unbedingt nicht. Die Gründe sind so kompliziert wie einfach, denn das Ergebnis ist: “Ich möchte nicht.” Und dann kam der Moment, in dem ich nach einem Umzug meiner neuen Gynäkologin im Januar 2023 gegenübersaß und sie mir mitteilte, dass ich im Umfeld niemanden finden werde, der diese OP durchführt. Ich sei mit 36 zu jung und im gebärfähigen Alter und müsste jeden Arzt, jede Ärztin erst davon überzeugen, dass sie das machen sollen. Ich soll es doch einfach nach 40 noch mal probieren, falls ich bis dahin meine Meinung nicht geändert habe. 

Das ist nur eine grobe Zusammenfassung des Erlebnisses, denn dieses Gefühl der Hilflosigkeit, nicht über den eigenen Körper bestimmen zu dürfen, wünsche ich niemandem. Da dachte ich, das passiert gerade nur in den USA, und dann passiert es mir mit fast 40 in Deutschland. Es folgte nicht nur ein Nervenzusammenbruch, sondern auch eine Welle der Solidarität von Freund:innen und ein bereichernder Austausch, der schlussendlich in diesem Artikel mündete. Denn ich erfuhr erstmals davon, wie vielen Personen mit Uterus es ähnlich ging. Die all jene entmündigenden Phrasen hören, die ihr im Bullshitbingo lesen könnt. Aber vor allem erfuhr ich von der Arbeit des in Leipzig sitzenden Vereins Selbstbestimmt steril e.V., dessen Arbeit so wichtig ist, weil es tausende Erfahrungen wie die meinen gibt. Auf einer interaktiven Deutschlandkarte informieren sie über Ärzt:innen, die eine Sterilisation anbieten, klären über die Prozedur selbst auf und geben Erfahrungsberichten Raum. Also traf ich mich zum Gespräch mit Gründerin Susanne Rau. Angesichts des Themas haben wir vor allem gemeinsam gelacht. Manchmal war es ein wirklich herzliches Lachen, manchmal aber auch jene zynische Art “kurz vorm Wahnsinn”-Kichern, weil wir es schlicht nicht fassen konnten, dass in unserer aufgeklärten Zeit noch solche Hürden existieren.

Ja, selbstbestimmt steril! – Im Gespräch mit der Gründerin von Selbstbestimmt steril e.V.

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Good News Magazin: Susanne, um eure Arbeit vorzustellen, müssen wir am Anfang beginnen. Wie kam es zu der Gründung eures Vereins?

Susanne Rau: Interessanterweise nicht durch persönliche Betroffenheit. Ich habe meinen Gynäkologen mit damals 27 Jahren angesprochen und er sagte sofort, dass er die Prozedur zwar nicht selbst in seiner Praxis durchführt, mir aber gerne dabei helfen kann. Damals wusste ich noch nicht, dass das nicht die Standardreaktion ist. Beim ersten Versuch wurde ich schon am Telefon abgewiesen, dass man das nicht in meinem Alter machen würde. Beim zweiten hingegen wurde mir sofort ein Beratungsgespräch angeboten, aber darum gebeten, dass ich meine Gründe auf einem Blatt Papier festhalte. Kurzum: Ich war dreieinhalb Monate nach dem ersten Gespräch mit meinem Gynäkologen sterilisiert. Meine Freundin in Bayern hatte wenig später exakt die gleiche Erfahrung. Ich dachte also, das ist normal und die Geschichte könnte hier enden. Hätte ich nicht über das Internet gesehen, dass unsere Erfahrungen eben nicht der Standard sind. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass wir die zwei einzigen Ärzt:innen in Deutschland gefunden haben. Ich dachte mir also, man sollte eine Karte machen, und habe die Idee in meinem Kleiderkreisel-Forum vorgestellt. Sie kam super an und so entstand der Verein mit sieben Gründungsmitgliedern aus dieser Gruppe. Ich hätte damals nie mit der Bekanntheit gerechnet, die wir heute haben, oder dass ich jemals jede Woche ein Interview gebe.

Wie ist es denn zu diesem irren Wachstum gekommen?

Eigentlich sehr langsam. Denn dass das Projekt für Betroffene eine gute Idee ist, war uns klar. Wir wussten aber nicht, ob es das auch für die Ärzt:innen ist. Ich habe damals meinen Gynäkologen gefragt, was er davon hält, und zum Glück hat er positiv reagiert. Wenn er abgelehnt hätte, hätte ich womöglich gar nicht mit dem Projekt begonnen. Wir haben unsere Social-Media-Kanäle und die Homepage angelegt und uns am 31. August 2019 offiziell als Verein gegründet. Genau ein Jahr später – am 31. August 2020 – ging dann unsere Karte online. Je mehr Menschen uns kannten, desto mehr Hinweise kamen und so konnte unsere Liste wachsen. Den größten Schub hat aber gleich im November 2019 eine Dokumentation des Y–Kollektivs gebracht, ab da wuchsen wir stetig.

Wie viele Praxen sind bei euch mittlerweile verzeichnet?

Es gibt zwei verschiedene Listen bei uns. Auf der offiziellen Karte auf unserer Webseite haben wir 45 Einträge, das sind genau jene Ärzt:innen, die wir erreicht haben und die zugesagt haben, dass sie auf der Karte erscheinen möchten. Unsere interne Liste hat über 400 Gynäkolog:innen, die infrage kämen für eine Sterilisation oder Beratung. Darin inkludiert sind schon 100 Absagen, die nicht auf der Karte erscheinen wollen, oder wo wir durch Patientinnen gemerkt haben, dass die Erfahrung vor Ort zu schlecht war.

Findet also eine Betroffene auf der Karte keine passende Praxis im Umfeld, kann sie uns eine Mail schreiben und privat nachfragen, ob wir ihr einen Tipp geben können. Das ist auch vom Datenschutz her mit unserer kooperierenden Anwältin abgeklärt, dass diese Art der Hilfestellung und Kontaktweitergabe via E-Mail kein Problem darstellt.

Das ist ja eine verrückte Quote, warum erscheinen nur zehn Prozent offiziell auf eurer Seite?

Wenn ich das wüsste. Wir machen es so einfach wie möglich und schreiben Briefe mit einem Anschreiben, Flyer, unserem Eintragungsformular und sogar einem Rücksendeumschlag. Der ganze Eintrag ist kostenlos. Was mich daran so wütend macht, ist, dass es ähnliche Seiten für die Vasektomie gibt. Wo Praxen tatsächlich eine Jahresgebühr bezahlen, um zu erscheinen, und diese Seiten sind gerammelt voll. Man fährt durch Berlin und sieht immer wieder Werbung für Vasektomie – wir hingegen müssen so kämpfen, über Praxen informieren zu können.

Warum sind sie bei euch bzw. der weiblichen Sterilisation dann so zögerlich?

Bei uns gibt es tatsächlich Ängste seitens der Ärzt:innen ob einer Rufschädigung. Wie kommt ihr Engagement bei ihren anderen Patientinnen an? Unsere Kooperations-Praxis hat es auch schon erlebt, dass sie keine Überweisung mehr von Kolleg:innen bekamen, weil sie offen dazu stehen, dass sie eine Sterilisation ab 18 Jahren durchführen. Sie sagen zu Recht: Ab 18 kann man wählen, Auto fahren oder sogar zur Bundeswehr gehen – alles langfristige Entscheidungen, die mitunter sogar gefährlich sein können. Warum also dürfen volljährige Personen mit Uterus nicht über den eigenen Körper bestimmen? Ich möchte damit nicht sagen, dass es überall nur um den Ruf geht. Es gibt auch Praxen, die das Problem nicht verstehen, weil sie eben nicht wissen, dass Betroffene so viele Absagen bekommen, bevor sie überhaupt eine Beratung bekommen.

Aus den USA kennt man ungeheuerliche Szenen vor NGOs oder Praxen, die z. B. eine Abtreibung durchführen. Hattet ihr diese Ängste auch angesichts eurer Arbeit?

Ich hatte am Anfang damit gerechnet, dass ich Hundescheiße im Briefkasten vorfinde, aber wir bekommen wirklich kaum Kritik für unsere Arbeit. Vielleicht einmal im Jahr irgendeine komische E-Mail. Die größte Kritik an uns ist, dass wir “Frauen unsichtbar machen”, weil wir “Personen mit Uterus” schreiben. Ich erkläre dann gerne, warum das für uns wichtig ist, um nicht-binäre Menschen oder trans Männer einzubeziehen, aber manchmal muss man ab einem gewissen Punkt aufhören, mit solchen Personen zu argumentieren.

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Eure Liste von über 400 Praxen beinhaltet noch gar nicht all jene, die eine Beratung oder Behandlung komplett ablehnen. Kannst du dir erklären, warum das überhaupt noch der Fall ist?

Wenn ich das wüsste. Wird damit ihr Weltbild hinterfragt? Hat es ökonomische Gründe? Wird damit das Bild der göttlichen Weiblichkeit und ihrer Fruchtbarkeit angegriffen? Ja, auch Männer werden sicher ab und an mal abgewiesen bei einer Vasektomie – aber das steht in keinem Verhältnis. Es kann nicht sein, dass eins unserer Mitglieder über 20 Beratungen in Anspruch nehmen musste, ohne Erfolg. Sie musste am Ende für ihre Sterilisation von Göttingen bis in die Uniklinik Salzburg fahren und das kann nicht die Lösung sein! Das Problem sind nicht nur die Ärzt:innen, sondern es werden von überall aus Hürden aufgebaut. Beispielsweise sind schon Betroffene an der Rezeptionistin gescheitert, obwohl die Praxis bei uns auf der Webseite steht. Hat man hingegen eine gute Praxis gefunden, sollte man auch bei der bleiben. Denn der “Kampf” endet nicht mit der Sterilisation. Es gibt tatsächlich Gynäkolog:innen, die eine (Nach-)Versorgung ablehnen, wenn man sterilisiert ist. Ich denke manchmal, ich habe schon alles gehört, aber es kommen immer noch neue Erfahrungen, die mich sprachlos machen. In einer idealen Welt würden wir als Verein einfach nicht mehr existieren. 

Und dennoch tut ihr es und ich kann ja nun leider aus Erfahrung sagen: zum Glück! Du bist eigentlich Freiberuflerin, wie viel Arbeit kannst du da in den Verein stecken?

Die Arbeit kommt in Wellen, aber ich würde sagen, durchschnittlich mindestens eine Stunde pro Tag. Ich moderiere die Facebook-Gruppe, beantworte DMs und E-Mails und gebe Presseinterviews. Dafür ist die Selbstständigkeit super! Für die Arbeit mit den Praxen haben wir eine Telefonistin auf Minijob-Basis eingestellt, die den Anfragen hinterhertelefoniert. Aber die Probleme sind eben die oben angesprochenen. Wir kommen nicht wirklich an die Ärztin oder den Arzt ran. Manchmal frage ich mich, ob ich eine Deutschlandtour machen und vor jeder Praxis aufschlagen muss.

Zuletzt noch ein Wort zu eurem Logo: Cuterus ist ja zauberhaft! Wie kamt ihr auf die Idee?
Cuterus an sich existierte schon als Pin in der Merchandise-Welt: ein lachender, süßer Uterus. Unsere zweite Vorsitzende hat darauf basierend den Cuterus mit Knoten in den Eileitern entworfen. Denn die Alternative, die Verödung darzustellen, war nicht wirklich prickelnd. Ich als leidenschaftliche Häklerin hab ihn dann gehäkelt und als Vorlage bereitgestellt.

Bilder: Picthey & Susanne Rau

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Viktoria Franke

Unsere Chefredakteurin a.D. Viktoria begann noch während des Studiums, als Sportjournalistin durch die Welt zu ziehen. Mittlerweile berät sie kleine Einzelkämpfer und große Unternehmen in ihrer Innen- und Außenkommunikation und organisiert weltweit Pressebereiche bei Sportevents. Good News sind bei all dem Trubel genau so wichtig für ihre mentale Gesundheit wie ein Stück Schokolade.

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