Mein Weg aus der Essstörung

von | 29. Januar, 2021

Zeit für ein neues Körperbild!

Eine persönliche Geschichte über Selbstliebe: Cathleen Schulze beschäftigt sich in ihrer Arbeit mit Menschen, die den Weg aus einer Essstörung gehen wollen. Sie möchte andere Menschen darin unterstützen, wieder Vertrauen und Selbsterkenntnis zu entwickeln. Da sie selbst Essstörungen hatte, weiß sie wie es sich anfühlt, wenn man sich selbst nicht mehr versteht. Mit ihrer Geschichte inspiriert und bestärkt sie andere – und macht außerdem aufmerksam auf ein sehr wichtiges Thema! Sie wirkt einer Gesellschaft entgegen, die Diäten befürwortet und mit einem unrealistischen Schönheits- und Körperideal wirbt.

TRIGGERWARNUNG: In diesem Artikel geht es um das Thema Essstörungen. Der Artikel kann Trigger, d.h. Auslöser schwieriger Gefühle, Erinnerungen oder Flashbacks, enthalten. Bitte sei achtsam, wenn das bei dir der Fall ist. Wenn du zu diesem Thema mehr wissen möchtest oder Hilfe für dich oder andere suchst, gibt es hier Unterstützung www.bzga-essstoerungen.de.

Wie alles begann

Die ersten zwölf Jahre unseres Lebens sind entscheidend für unsere Persönlichkeit. Sie entscheiden, wie wir das Erwachsenwerden erleben und später unser Leben gestalten. In meiner Kindheit habe ich Gewalt und Alkoholismus erlebt. Ich verstand lange nicht, weshalb ich oft so lustlos, desinteressiert und orientierungslos war. Hinzu kam, dass ich mich die meiste Zeit überflüssig und unsicher fühlte, weil ich fest überzeugt war, dass mich jeder dumm findet. Nach außen hin zeigte ich das nicht. Ich versuchte immer cool und unabhängig zu wirken.

Mein Leben mit der Essstörung

Als Teenager fing ich an an meinem Körper Makel zu finden und mit Anfang 20 war ich in der Essstörung komplett gefangen. Der Tag begann mit dem Weg auf die Waage und die Zahl entschied über die Laune und über meinen Tagesablauf. Ich hatte so viele Diäten probiert und war jedes Mal deprimiert, wenn ich wieder scheiterte. So dachte ich: „Du bist nicht mal fähig, eine ordentliche Diät durchzuhalten.“ Ein letztes Mal wollte ich es „richtig“ durchziehen und aß so gut wie nichts mehr. Zusätzlich machte ich Sport bis zur körperlichen Erschöpfung. Diesmal klappte es und ich verlor innerhalb von drei Monaten fast 20 Kilo. Endlich hatte ich es geschafft. Ich war dünn! Jetzt würde alles gut werden, denn zum ersten Mal hatte ich mein Ziel erreicht. Damals hätte ich zu dieser Zeit alles dafür getan, um endlich dünn zu sein.

Teufelskreis Betäubung

Meine Gesundheit war mir total egal. Ich trank kaum noch etwas. Höchstens zwei Gläser am Tag. In dieser Zeit nahm ich Flüssigkeit  überwiegend in Form von Alkohol zu mir. Ich fühlte mich verloren, deswegen betrank ich mich an den Wochenenden regelmäßig. Das einzige, was mir in dieser Zeit Spaß machte, war es mich und meine Gefühle zu betäuben. Es dauerte nicht lang und ich rutschte vom „nichts essen“ in das „ständige fressen“ und irgendwann kam das Kotzen dazu, denn ich wollte niemals wieder zunehmen. Somit war ich gefangen im Teufelskreis von fressen, kotzen und hungern.

Gefühlt weit weg und verloren

Am Anfang meiner Bulimie war ich total happy, denn endlich konnte ich essen, was ich wollte, ohne dick zu werden. Etwas später bemerkte ich, dass das Fressen und Kotzen ziemlich ätzend ist, aber da war mir noch lang nicht bewusst, in welcher ernsten Lage ich mich befand. Irgendwann wurde mir klar, wie krank ich bin und das machte mir eine scheiß Angst. Denn in meinem Kopf war dieser Glaubenssatz fest verankert: „esse ich normal, nehme ich stetig zu.“ Da ich schon so viele Jahre ein gestörtes Essverhalten hatte, hatte ich den Bezug zum normalen Essen total verloren. Ich wusste einfach nicht mehr, was kann ich essen? Wie viel? Wie oft? Ich fühlte mich hilflos und der Essstörung ausgeliefert. Ich wusste nicht, wie ich da jemals herauskommen sollte.

Der Ausweg für mich

Zu meinem Glück begann ich eine Therapie. Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartet und hatte viel Angst, denn die ES wollte ich unbedingt behalten. Ich hasste sie, aber ich brauchte sie noch. Heute weiß ich, dass der Veränderungs- und Heilungsprozess Zeit braucht. Es ist kein Befreiungsschlag und von da an ist alles wieder gut. Jeder noch so kleine Schritt Richtung Heilung ist bedeutend. Alles, so wie es gekommen ist, war richtig für mein Leben. Ich weiß, dass es jeder aus der ES schaffen kann, denn ich hab es auch geschafft. Ich bin nichts außergewöhnliches.

Was hat sich seitdem verändert?

Ich habe mein Umfeld und den Wohnort gewechselt. Ich achte auf mich und weiß jetzt, was ich brauche um glücklich und zufrieden zu sein. Durch die ES gewann ich meine eigene Familie dazu. Ich fühle mich wieder lebendig und freue mich morgens aus dem Bett zu steigen. Hinzu kommt, dass sich meine Einstellung zu mir geändert hat, denn ich möchte gut zu mir sein. Schluss mit Bestrafungen und Beschimpfungen. Ich habe mir und allen anderen verziehen. Ich mag mich und ich mag mehr und mehr mein Denken über mich. Ich mag wie viel entspannter meine Sicht auf andere Dinge geworden ist.

Danke für die Aufforderung!

Es gibt so viel Positives, was sich aus der Essstörung entwickelt hat, weil sie mich aufgefordert hat, mich zu finden. Ich habe meine Berufung gefunden, die ich mit Leidenschaft lebe. Ich bin wieder viel mehr in der Natur und kann Momente wirklich fühlen. Ich kann sie genießen, das ist mit das Schönste. Trotzdem habe auch ich noch Momente, an denen sich mein Leben schwer anfühlt, obwohl es das nicht ist. Aber es sind keine Tage, keine Wochen mehr. Dann verdränge ich meine Gedanken und Gefühle nicht, indem ich mich betäube. Sondern ich schau mir an, was da los ist. Mein Leben fühlt sich im Gleichgewicht an und da gehören auch mal nicht so tolle Zeiten dazu. Das ist ganz normal.

Der Sinn meiner Essstörung 

Der Sinn in der ganzen Essstörung lag darin, wieder zu mir zu finden. Herauszufinden wer ich bin und was ich brauche um glücklich zu sein. Innerlich verspürte ich einen großen Drang mich zu finden. Das habe ich dank meiner Essstörung geschafft, da sie mich herausforderte. Sie machte es mir sehr unbequem.

Persönliche Weiterentwicklung findet außerhalb unserer Komfortzone statt, außerhalb von dem, was wir täglich denken und machen. 

Das möchte ich jetzt unbedingt weitergeben

Die Essstörung ist nie das Problem, sie zeigt nur auf, dass wir nicht nach unserem wahren Ich leben. Wenn wir lernen uns zu verstehen und uns mehr und mehr erlauben, gut zu uns selbst zu sein, können wir frei und selbstbestimmt das eigene Leben gestalten. Um langfristig gesund sein zu können, müssen wir unsere Gefühle fühlen. Wir können uns unseren Weg aus unseren negativen Emotionen nicht hinausdenken.

Wir haben nur dieses eine Leben. Es ist zu kurz, um zu leiden. Du entscheidest, welches Leben du wählst. Wenn man sich für das Leben entscheidet, dann kann es jeder aus der Essstörung schaffen. Jede und Jeder! Davon bin ich fest überzeugt. Lasst euch nicht von Rückschlägen aufhalten, denn die gehören zur Heilung dazu. Macht immer weiter bis ihr es irgendwann geschafft habt und nehmt Hilfe in Anspruch. Es ist wichtig einen Menschen an seiner Seite zu haben, der einem andere Sichtweisen aufzeigt. Der einem zeigt, dass das Leben nicht so schrecklich ist.

Das Leben kann wunderbar werden. Ihr könnt die Vergangenheit nicht ändern, dass müsst ihr auch nicht, denn die gehört zu euch. Sie hat euch stark gemacht, um ein Leben in Frieden und nicht im Kampf führen zu können.

Cathleen Schulze arbeitet heute als Coach und begleitet Menschen mit Essstörunges. Mehr über ihre Arbeit auf: www.leben-ohne-essstörung.de und auf Instagram leben_ohne_essstörung

Autorin: Cathleen Schulze
Beitragsbild: Cathleen Schulze

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