Wie ein Auslandssemester mehr bringt als nur Credits

Länder, Leute, Learning: Erasmus verbindet!

von | 11. April, 2026 | Kultur, Füreinander

Studien und positive Berichte machen deutlich, dass das Erasmus-Programm zentral für ein vereintes und zukunftsfähiges Europa ist.

Ein Semester fernab aller Uni-Pflichten, gefüllt mit langen Partynächten, spontanen Trips und einem Gefühl der Sorglosigkeit. Ein Erasmus-Aufenthalt ruft bei manchen ein bestimmtes Image hervor. Nach insgesamt drei Auslandssemestern kann ich natürlich nicht leugnen, dass insbesondere diese Punkte ein unvermeidlicher Teil der Erfahrung waren. In Florenz hab ich den wohl schönsten Sommer meines Lebens verbracht und in Trient habe ich unter anderem den Wanderer in mir entdecken können. Dennoch beinhaltet ein Erasmus-Semester viel mehr als Postkartenmomente und beschränkt sich erst recht nicht auf „bezahlten Urlaub“.

Der Auslandsaufenthalt lässt einen neue Herausforderungen meistern, gibt einem neue Blickwinkel und schenkt einem nicht zuletzt eine Begegnungsvielfalt an verschiedensten Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergründen. Und dies ist nur ein Bruchteil von dem, was ich und wohl alle meine Freund:innen diesem Projekt zu verdanken haben. Auch wenn es dementsprechend kaum möglich ist, all diese positiven Gefühle und Erfahrungen in einem Artikel unterzubringen, habe ich versucht, einen kleinen Streifzug durch die positivsten Nachrichten zum Thema Erasmus zu unternehmen. Entstanden ist eine kleine Ode an Erasmus.

Mein persönliches Erasmus-Kapitel

Die Freundschaften von damals sitzen noch immer mit an meinem Geburtstagstisch. Sie führen mich in den Semesterferien quer durch Europa – und in schwierigen Momenten greife ich auf das zurück, was ich in dieser Zeit über mich gelernt habe.

Entstanden ist all das während meines Erasmus-Aufenthalts: ein Jahr in Florenz, ein halbes Jahr in Trient. Ich hatte das Glück, Teil eines Programms zu sein, an dem seit 1987 mehr als 18 Millionen Menschen teilgenommen haben. 

Vielleicht ist genau das der Grund, warum ich seit meiner Rückkehr etwas zurückgeben möchte. Ich engagiere mich im lokalen Erasmus-Netzwerk in Köln. Gleichzeitig wird mir dabei immer wieder klar: Meine Geschichte ist nur ein kleiner Teil eines großen Erfolgsmodells – und genau dieses liefert gerade viele Gründe für Good News. 

Gioia
14.07.2023
Manuel 1
21.06.2025
Gruppe 2 2
19.11.2022

Ein Comeback der besonderen Art

Die wohl vielversprechendste Nachricht machte schon vor einigen Monaten die Runde: Das Vereinigte Königreich will ab 2027 wieder am Erasmus-Programm teilnehmen. Nach dem Brexit war Großbritannien 2021 aus dem EU-geführten Programm ausgestiegen – obwohl das nicht zwingend nötig gewesen wäre. Die Länder des Vereinigten Königreichs gehörten zu den beliebtesten Zielländern. Wer kann es auch verübeln bei dem Gedanken an schottische Highlands oder die englische Pub-Kultur. Unter anderem auch als Fußballliebhaber hätte es für mich definitiv in die engere Auswahl gehört.

Von nun an stehen britische Universitäten also wieder auf der schier endlosen Liste an möglichen Aufenthaltsorten. Gleichzeitig wird britischen Studierenden der Weg zu Auslandssemestern im EU-Raum erleichtert. An der Finanzierung soll es für den Startschuss im kommenden Jahr auf jeden Fall nicht mangeln. So haben sich die EU und Großbritannien bereits auf die Summe für das akademische Jahr 2027/2028 einigen können. In das Erasmus-Programm soll demnach eine stolze Summe in Höhe von 570 Millionen Pfund fließen, was umgerechnet mehr als 648 Millionen Euro entspricht. Wie viel einzelne Länder genau beitragen, lässt sich allerdings schwer beziffern, da ihre Anteile in der Regel über den EU-Haushalt laufen.

Zur Einordnung hilft deshalb vor allem der Blick auf das Gesamtbudget: Für die Jahre 2021 bis 2027 stehen rund 26,2 Milliarden Euro zur Verfügung. Pro Jahr gerechnet, zeigt sich, wie umfangreich das britische Engagement ist. Möglich wird das auch durch einen politischen Kurswechsel: Premierminister Keir Starmer sucht seit seinem Amtsantritt wieder die Nähe zur EU – und bricht damit mit der Linie der konservativen Vorgängerregierung. 

Wie zu erwarten, stieß dieser Schritt schlussendlich auf ausnahmsweise positive Resonanz. So betonte beispielsweise EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen auf X, dass jungen Menschen nun die Tür zu neuen gemeinsamen Erfahrungen und dauerhaften Freundschaften geöffnet worden sei. Ähnliche Worte fand unter anderem der für die Beziehungen mit der EU zuständige Staatssekretär Nick Thomas-Symonds. Die Rückkehr in das Erasmus-Programm sei laut ihm ein „großer Gewinn für unsere jungen Menschen“. Mit ein bisschen Glück weckt der Artikel bei jemandem von euch Lesenden ja sogar die Frage: Wieso eigentlich kein Auslandssemester in Großbritannien?

Wenn aus Austausch mehr wird

Wo viele Menschen aufeinandertreffen, entstehen nicht nur neue Freundschaften, sondern auch Beziehungen. Unter anderem mit diesem schönen Detail hat sich die Erasmus Impact Study aus dem Jahr 2014 auseinandergesetzt. Diese Studie wurde im Auftrag der Europäischen Kommission erstellt und durch die Beratungsgesellschaft CHE Consult durchgeführt. Im Fokus standen die Auswirkungen eines Erasmus-Aufenthalts auf Job, Fähigkeiten und das Leben der Teilnehmer. Um einen guten Überblick zu bekommen, wurden diesbezüglich Antworten von rund 75.000 Student:innen aus 34 europäischen Ländern gesammelt.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Innerhalb der Online-Umfrage gaben 27 % der Befragten mit Auslandsaufenthalt an, dass sie ihren aktuellen Partner oder ihre aktuelle Partnerin aus dem Erasmus-Programm kennen. Aus diesem Grund sagte die damalige EU-Bildungskommissarin Androulla Vassiliou im Rahmen der Studienvorstellung: „Viele dieser jungen Menschen haben den Partner, den sie im Ausland gefunden haben, geheiratet. Es gibt rund eine Millionen Erasmus-Babys.“

Aber auch wenn eine Beziehung nicht direkt aus dem Erasmus-Kosmos entsteht, prägt die Erfahrung wohl auch häufig spätere Entscheidungen im Liebesleben. Aus derselben Studie ging nämlich hervor, dass etwa ein Drittel der ehemaligen Erasmus-Studierenden in einer Partnerschaft mit einer Person aus dem Ausland lebt. Im Vergleich dazu: Bei Absolventen ohne entsprechenden Auslandsaufenthalt ergaben internationale Beziehungen lediglich einen Anteil von 13 % innerhalb der Studie. Ich gehöre offenbar zu genau dieser Gruppe. Nach insgesamt anderthalb Jahren in Italien bin ich mit meiner italienischen Freundin zusammengekommen. Zufall oder Erasmus-Magie? Schwer zu sagen. Klar ist nur: Wer im Ausland studiert hat, ist später oft offener für internationale Beziehungen.

Karriere, Kompetenzen, Perspektiven: Erasmus wirkt weiter

Aber auch jenseits der Liebe zeigt die Erasmus Impact Study weitere Vorteile eines Erasmus-Aufenthalts auf. Im Vergleich zu Studierenden mit ausschließlicher Erfahrung im Heimatland seien Absolvent:innen mit Erasmus-Erfahrungen 5 Jahre nach Studienabschluss seltener auf Arbeitssuche. Dies läge allerdings vor allem an der höheren Bereitschaft dieser, ihren Wohnort für einen neuen Arbeitsplatz zu wechseln.

Auch weitere Forschungen unterstreichen dieses durchweg positive Bild. So kann man beispielhaft eine Studie heranziehen, die von der Nationalen Agentur für EU-Hochschulzusammenarbeit im DAAD (Deutscher Akademischer Außendienst) initiiert wurde. Im Zentrum standen dabei die Zielsetzungen der Pariser Deklaration aus dem Jahr 2015. Diese unterstrich erneut, dass die Förderung kritischen Denkens sowie sozialer und interkultureller Kompetenzen nicht nur Aufgabe der schulischen Bildung sei, sondern als integraler Bestandteil der europaweiten Hochschullehre verankert werden sollte. Nur unter dieser Bedingung seien die zukünftigen Herausforderungen im europäischen Kosmos zu bewältigen. Um die Auswirkung eines Erasmus-Aufenthaltes auf die besagten Ziele genau herauszukristallisieren, wurden Befragungen im Hochschuljahr 2017/18 durchgeführt. Das daraufhin veröffentlichte Ergebnis stellt erneut dar, welchen Einfluss ein Aufenthalt auf das europäische Denken haben kann.

Der Studie zufolge setzte bei den Teilnehmer:innen mit der Zeit eine spürbare Persönlichkeitsentwicklung ein. So konnte etwa das Vertrauen wachsen, sich in multikulturellen Kontexten zu bewegen. Des Weiteren nahmen Vorbehalte gegenüber fremden Kulturen merklich ab und das interkulturelle Einfühlungsvermögen nahm im gleichen Moment zu. Wie sollte dies auch anders sein, wenn man an jedem Tag in Kontakt mit tollen Menschen aus verschiedensten Ländern kommt?

Erasmus hautnah: Stimmen von Teilnehmer:innen

Eine kleine Auswahl an solchen Menschen habe ich auch zu diesem Thema befragt, um dieser Erfolgsstory auch Gesichter zu geben:

Sander

Name: Sander

Herkunftsland: Niederlande

Erasmus-Ort: Florenz

Studienfach: Erneuerbare Energien

Was habe ich über mich selbst gelernt: Ich bin souveräner geworden, neue Freundschaften zu knüpfen

Welcher kulturelle Unterschied hat mich fasziniert: Wie kulinarisch leidenschaftlich Italien ist

Stephan II

Name: Stephan

Herkunftsland: Österreich

Erasmus-Ort: Trient

Studienfach: Jura

Was habe ich über mich selbst gelernt: Mehr in mich selbst zu vertrauen

Welcher kulturelle Unterschied hat mich fasziniert: Wie das Leben in kleinen alltäglichen Momenten zelebriert wird

Margarida

Name: Margarida

Herkunftsland: Portugal

Erasmus-Ort: Florenz

Studienfach: Medizin

Was habe ich über mich selbst gelernt: Wie gut mir enge Freundschaften tun

Welcher kulturelle Unterschied hat mich fasziniert: Die Herzlichkeit, die mir im Alltag entgegengebracht wurde

Antonio

Name: Antonio

Herkunftsland: Italien

Erasmus-Ort: Köln

Studienfach: Nahost-Studien

Was habe ich über mich selbst gelernt: Wie ich mich schnell an neue Orte anpasse

Welcher kulturelle Unterschied hat mich fasziniert: Wie sorgfältig und genau Deutsche sind

Ben

Name: Ben

Herkunftsland: Deutschland

Erasmus-Ort: Florenz

Studienfach: Lehramt

Was habe ich über mich selbst gelernt: Schwierigkeiten eigenverantwortlich lösen zu können

Welcher kulturelle Unterschied hat mich fasziniert: Espresso wird im Stehen mit aufgesetztem Motorradhelm getrunken

Mehr Erasmus wagen: Finanzierungserhöhung in Aussicht

Um auch weiteren Generationen diese Möglichkeiten zu geben, sollen auch die finanziellen Unterstützungen auf ein neues Level gehoben werden. Diesbezüglich wurde am 17. Juli 2025 von der Europäischen Kommission die Planung für den Zeitraum von 2028 bis 2034 vorgestellt. Das Budget für diese sieben Jahre soll sage und schreibe 40,8 Milliarden Euro aus dem Haushalt der EU umfassen. Dies entspräche wiederum einem sensationellen Zuwachs von rund 50 % gegenüber dem aktuell bestehenden Budget. Das aktuelle Budget für die Zeitspanne von 2021 bis 2027 umfasst nämlich rund 26,2 Milliarden Euro. Damit will die Europäische Kommission erneut aufzeigen, wie relevant das Programm für den zukünftigen Zusammenhalt Europas ist. 

Nicht nur für die Uni

Häufig wird auch vergessen, dass das Erasmus-Projekt bereits auf Schulebene stattfindet. So haben seit 2021 über 100.000 Schülerinnen und Schüler in Deutschland die Chance auf einen Auslandsaufenthalt erhalten. Parallel nahmen mehr als 28.000 Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte an Fortbildungen teil.

Diese Zahlen sind einer im vergangenen Jahr veröffentlichten Studie der TU Dortmund zu entnehmen. Auf den ersten Blick wirken diese Zahlen durchaus positiv. Dennoch besteht weiterhin Verbesserungspotenzial. Die Studie zeigt nämlich, dass das Programm derzeit nur eine kleine Minderheit erreicht. Bezogen auf die derzeit rund 8,64 Millionen Schülerinnen und Schüler liegt die Teilnahmequote nämlich gerade einmal bei rund 1 %. Zudem bestehen fundamentale Unterschiede hinsichtlich der Schulart. In den letzten drei Jahren des Programms kamen Erasmus-Förderungen vor allem den Gymnasien zugute: 22,6 % der Gymnasien erhielten Unterstützung, bei Gesamtschulen waren es lediglich 8,2 % und bei Hauptschulen vergleichsweise gerade einmal 0,6 %. 

Dies verdeutlicht trotz des allgemeinen positiven Trends ein gewisses Ungleichgewicht. Erkennbar ist dies ebenso in der geographischen Analyse. Ostdeutsche Bundesländer sind im Schulkontext unterrepräsentiert, während beispielsweise Stadtstaaten oder Nordrhein-Westfalen die höchste Teilnahmerate vorweisen. Dementsprechend besteht zumindest noch im Schulbereich Verbesserungspotenzial für das Erasmus-Programm.

Die Frau hinter Erasmus

Aber wem ist all dies überhaupt zu verdanken? Dafür genügt ein Blick in die italienische Hauptstadt. Dort studierte eine junge Frau in den Fünfzigerjahren Rechtswissenschaften an der Universität La Sapienza: Sofia Corradi. Später sollte sie allerdings unter einem ganz anderen Namen bekannt werden – als „Mamma Erasmus“. Doch wie kam es dazu, dass ausgerechnet sie zu einer treibenden Kraft hinter der Idee eines internationalen Austauschprogramms wurde?

Im Jahr 1957 verschlug es Sofia Corradi für ein Studienjahr an die Columbia University in New York. Gefördert wurde sie durch das sogenannte Fulbright-Stipendium, welches bereits seit 1946 den universitären Austausch zwischen den Vereinigten Staaten und weiteren Partnerländern fördert. Nach ihrer Rückkehr musste Corradi allerdings feststellen, dass sich in Italien keiner für ihre in den Vereinigten Staaten geleisteten Prüfungen interessierte. Ein allzu frustrierendes Szenario, mit dem sie sich allerdings nicht abfinden wollte.

Nach ihrem Abschluss beschäftigte sich Corradi bei den Vereinten Nationen mit dem Recht auf Bildung und wurde bereits im jungen Alter von 30 Jahren Beraterin für internationale Beziehungen der italienischen Hochschulrektorenkonferenz. In ihrer Funktion intensivierte sie bereits ihr Engagement für einen engeren Austausch internationaler Universitäten. Dieser sollte vor allen Dingen die ihr verwehrte Anerkennung im Ausland erbrachter Leistungen ermöglichen. Einen wichtigen Meilenstein sollte dabei die Europäische Rektorenkonferenz 1969 in Genf darstellen. Dort wurden ihre Ideen zum ersten Mal publik gemacht und fanden außerdem den ersten Widerhall in einer Vielzahl von italienischen Zeitungen.

Dank ihres hartnäckigen Einsatzes setzte sich die Vision Mitte der Siebzigerjahre auf höheren Ebenen durch. Die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, die Vorläuferin der heutigen EU, nahm die Gedanken in einer Resolution zur Förderung des europäischen Studierendenaustausches auf. Schritt für Schritt formten sich daraus die sogenannten „Joint Study Programmes“, die schließlich 1987 im europaweiten Erasmus-Programm aufgingen.

Im vergangenen Jahr starb Sofia Corradi in ihrer Heimatstadt Rom. Aus diesem Anlass würdigte unter anderem Frankreichs Präsident Emmanuel Macron Corradi als Visionärin für eine europäische Jugend, die Begegnung und Vielfalt lebt. Trotz ihres enormen Verdienstes fällt ihr Name dennoch vergleichsweise selten in akademischen Kreisen. Ihre Ideen haben allerdings Millionen von Studierenden Türen geöffnet. Mithin unter anderem auch mir.

Grazie mille Mamma Erasmus!  

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Luca Kramarz
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