Ein Mann und eine Kampagne

Erste Anzeichen einer Wende in Polens Energiepolitik

von | 27. Oktober, 2021

Ein staatliches Energieunternehmen in Polen scheint sich neu zu orientieren. Eine Veröffentlichung von Dokumenten zeigt, der Konzern plant die Schließung des größten Kohlekraftwerks Europas.

Das staatliche Energieunternehmen PGE (Polska Grupa Energetyczna) plante seit mehreren Jahren die Eröffnung eines neuen Braunkohletagebaus nahe der Großstadt Łódź. Die gewonnene Kohle dieses Tagebaus Złoczew sollte dem nahegelegenen Kohlekraftwerk Bełchatów als direkte Rohstoffquelle dienen. Die Eröffnung des Tagebaus hätte neben schwerwiegenden Auswirkungen auf die Umwelt und Landwirtschaft auch die Umsiedlung von 33 Dörfern mit ca. 3.000 Einwohner:innen zur Folge.

Gegen die Pläne des Energiekonzerns wehrte sich der polnische Landwirt, Stanisław Skibiński. Dieser Ein-Mann-Kampagne „Nein zum Tagebau Złoczew“ schlossen sich nach kurzer Zeit tausende Menschen aus der Region an. Greenpeace und andere Organisationen unterstützten ebenfalls, um dem Protest Gehör zu verschaffen.

Durch öffentlich gemachte Dokumente des Energiekonzerns PGE wurde Anfang Juni dieses Jahres bekannt, dass der Konzern die Schließung des Kraftwerks Bełchatów bis 2036 plant. Diese Entscheidung beinhaltet auch die Stilllegung der Pläne für den Tagebau Złoczew, dessen Hauptaufgabe die Versorgung des Kraftwerks Bełchatów sein sollte.

Greenpeace feierte in einem Video auf Twitter diese Entscheidung als einen Sieg vor allem für die 33 Dörfer und ihre Bewohner:innen. Der Initiator der Kampagne, Stanisław Skibiński, erklärte gegenüber Greenpeace: „Das sind großartige Neuigkeiten für die Landwirtschaft, für die Umwelt, für die Gesundheit und die lokalen Wasserressourcen.“ Ein weiterer Unterstützer der Kampagne, Zbigniew Zasina, reagierte auf die Entscheidung von PGE: „Ich bin sehr glücklich damit und denke, dass ich in diesem Dorf bis an das Ende meiner Tage leben werde.“

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Der Wendepunkt in Polens Energiepolitik?

Laut der Umweltorganisation ClientEarth ist das Kraftwerk Bełchatów derzeit der größte CO2-Erzeuger Europas und sogar der zweitgrößte weltweit. Das Kraftwerk allein ist für elf Prozent von Polens Gesamtemissionen verantwortlich.

Mit der Ankündigung des staatlichen Energiekonzerns, das Kraftwerk bis 2036 stillzulegen, lassen sich erste Anzeichen einer Wende in Polens Energiepolitik erkennen. Die Kehrtwende in der Energiepolitik hat sicherlich auch mit den wachsenden Problemen zu tun, die Polen mit der EU und Nachbarstaaten hat.

Im Mai dieses Jahres fällte der Europäische Gerichtshof die Entscheidung, dass Polen den Ausbau des Tagebaus Turów nahe des Dreiländerecks Deutschland-Polen-Tschechien einstellen muss. Zuvor hatte Tschechien gegen die Bergbaupläne an seiner Grenze geklagt. Polens Weigerung, das Urteil anzuerkennen und die Aktivitäten einzustellen, folgte die Verhängung von umgerechnet täglich 100.000 Euro als Strafzahlung an die EU.

Schauffelradbagger in einem Tagebau – Bild von Albert Hyseni / Unsplash

Neben den Strafzahlungen wächst auch der Druck durch die höheren Preise für die CO2-Emissionen sowohl auf den polnischen Energiekonzern PGE, als auch auf die nationalkonservative polnische Regierung. In diesem Zusammenhang sagte eine anonyme Quelle gegenüber Reuters: „Niemand möchte Złoczew. PGE muss sich auf seine Null-Emissions-Projekte fokussieren, die positiv für seine Gewinne (EBITDA) sind.“

Mit der Entscheidung, Bełchatów abzuschalten und den Tagebau Złoczew als Projekt aufzugeben, sind wichtige Hürden genommen, um eine Hinwendung zu nachhaltiger und klimafreundlicher Energie zu bewältigen. Ob die konservative Regierung jedoch so bald eine Wende in die Wege leitet, bleibt fraglich.

Andererseits ist es offensichtlicher geworden, dass die Industrie selbst bereits einen Schritt weiter und bereit ist, in erneuerbare Energien zu investieren. In Sachen Energiepolitik steckt Polen noch in einer Sackgasse. Doch die Anzeichen eines Umdenkens lassen hoffen.

Beitragsbild: © Stasisław at Polish Wikipedia / Wikimedia Commons

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Julian Huesmann

Ich habe eine starke Verbindung zu Asien, insbesondere Vietnam. Seit 2019 schreibe ich als freier Autor Beiträge für ein vietnamesisches Magazin. Dadurch bin ich zum Journalismus gekommen. Jenseits von Staatsgrenzen und Identitäten beschäftigen mich Fragen, was Kulturen und Gesellschaften zusammenhält und wie bessere Gesellschaften möglich sind. Auch um dem Kulturpessimismus der breiteren Medienlandschaft entgegenzuwirken, schreibe ich seit kurzem für das Good News Magazin. Denn auch gute Nachrichten verdienen Aufmerksamkeit.

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