Islands Weg zu kürzeren Wochenarbeitszeiten

von | 16. Juli, 2021

Eine Studie aus Island bestätigt die positiven Auswirkungen von weniger Arbeitsstunden bei gleichem Gehalt. Und die Ergebnisse bleiben nicht unbeachtet: schon bei 86% der Beschäftigten wurde die kürzere Arbeitszeit eingeführt.

Die Covid19-Pandemie verändert die Arbeitsstrukturen in vielen Berufen. Das bringt die Diskussion um die Vier-Tage-Woche zurück. Tests aus Island beweisen jetzt, dass das möglich ist. In einem Zeitraum von vier Jahren haben die Stadtbehörden und Gewerkschaften von Reykjavik, der Hauptstadt von Island, die Auswirkungen von kürzeren Wochenarbeitszeiten getestet. Die Tests umfassten 2.500 Berufstätige aus verschiedene Berufsfeldern, wie Büroangestellte, Erzieher:innen und Pflegekräfte.

Die Teilnehmer:innen sind bei gleichem Gehalt, von einer 40-Stunden, auf eine 35 oder 36-Stunden Woche gewechselt. Die im Juni 2021 veröffentlichte Studie belegt, dass die Beschäftigten weniger Stress hatten, sich glücklicher fühlten, weniger krank waren und ihre Produktivität halten und tendenziell sogar steigern konnten. Dieses Projekt ist das bisher größte weltweit. Die Studienergebnisse überzeugen: Island hat inzwischen für bis zu 86% der Arbeitnehmer:innen die kürzere Arbeitszeit eingeführt oder ihnen das Recht erlassen, darauf umzustellen.

Im internationalen Vergleich

Das Verkürzen der Wochenarbeitszeit in Island ist neben der Vier-Tage-Woche eine weitere Methode, dem Wunsch vieler Arbeitnehmer:innen entgegenzukommen. The Workforce View in Europe 2019 gab an, dass mehr als die Hälfte der europäischen Arbeitnehmer:innen, lieber nur vier Tage die Woche arbeiten würden, wenn sie die Wahl hätten. Ab Herbst 2021 soll in Spanien für ein Jahr die Vier-Tage-Woche in einem Modellprojekt getestet werden. In Deutschland wiederum haben sich zwei Formen etabliert:

  • Vier-Tage-Woche mit gleichbleibender Stundenzahl: Das Gehalt bleibt erhalten, jedoch wären die Arbeitnehmer:innen an ein höheres Arbeitspensum gebunden.
  • Vier-Tage-Woche mit einer 30-32 Stunden-Woche: Das bedeutet weniger Gehalt, aber mehr Freizeit. 

Die Reduzierung der Arbeitszeit bei gleichbleibendem Gehalt ist in Deutschland bislang kein gängiges Modell. Derzeit schreibt das deutsche Arbeitszeitgesetz eine Wochenarbeitszeit von bis zu 48 Stunden vor.

Welche Faktoren gilt es zu beachten bei der Diskussion um Pro und Contra der verkürzten Arbeitszeit? Hier eine kleine Übersicht:

Faktor: Gesundheit 

Laut einer gemeinsamen Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), führen Arbeitnehmer:innen mit einer 35-40 Stunden Woche ein gesünderes Leben, als Arbeitnehmer:innen mit einer höheren Wochenarbeitszeit. Zu einer Bestimmung der gesundheitlichen Auswirkung der Arbeitszeit ermittelte die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAUA), anhand verschiedener Datensätze, einen „nahezu linearen Anstieg der Beschwerdehäufigkeit in Abhängigkeit von der Dauer der Arbeitszeit“.

Faktor: Lebensbetrachtung 

Besonders bei jüngeren Generationen ab den 70er Jahren, lässt sich feststellen, dass sich diese nicht mehr allein über ihren beruflichen Status definieren möchten, sondern auch in anderen Lebensbereichen ausbauen wollen. Nach Jutta Rump und Silke Eilers stehen Arbeit, Freizeit und Familie „nicht mehr in einem drastischen Gegensatz zueinander, sondern Arbeits- und Familienleben werden zunehmend als verbundene Bereiche wahrgenommen.“ Da wäre eine verkürzte Wochenarbeitszeit natürlich willkommen.

Faktor: Unternehmen

Auch Arbeitgeber:innen der Studie in Island profitierten von glücklicheren, gesünderen, produktiveren Arbeitnehmer:innen. Doch die Arbeit, die nicht erbracht wird, muss an einer anderen Stelle aufgefangen werden. Die Verkürzung eines Arbeitsplatzes bedeutet für Unternehmen eine Veränderung der Arbeitsstrukturen. Das könnte sich zum Beispiel, in Form einer Neustrukturierung der Aufgaben oder neuen Arbeitsplätzen äußern. Kurzfristig wäre es ein hoher Leistungsaufwand.

Doch dieser rentiert sich, nach Stefanie Gerold, in „Aussicht auf [Entlastung der Arbeitnehmer:innen], höhere Arbeitsproduktivität und Kostenreduktionen (bspw. durch reduzierte Krankenstände) sowie mögliche [Steigerung der Attraktivität]. Dies ist insbesondere im Hochqualifizierten-Bereich relevant, in dem Firmen teilweise unter einem Fachkräftemangel leiden.“

Aussichten

Die Schwierigkeit das Gespräch zu Arbeitgeber:innen zu suchen, könnte in der Angst vor einem schlechten Gesprächsverlauf bestehen. Oder in Form des Erfolgsdrucks, weniger Geld zu verdienen, nicht fleißig genug zu sein oder von anderen verurteilt zu werden. Doch die Umsetzung einer verkürzten Wochenarbeitszeit ist auf einem positiven Weg. Einige Länder, wie Island, Niederlande und Dänemark, setzen dies effektiv um. Andere führen Versuche durch und entwickeln Modellprojekte.

In Deutschland gibt es wie oben erwähnt, zwei Formen der Vier-Tage-Woche. Dazu gibt es die Teilzeitarbeit, eine weitere Vertragsform des Arbeitsrechts des Bundesgesetzes. Diese Optionen lassen sich in den meisten Verhältnissen individuell vereinbaren. So sollen für die Arbeitnehmer:innen und Arbeitgeber:innen ausgleichende Verhältnisse geschaffen werden.

Beitragsbild von kaboompics / Pixabay

Unterstütze die Arbeit von Cara Buchborn und anderen Autor:innen mit einem GNM+ Abo!

Schon ab 3,50 € pro Monat kannst du unabhängigen und vor allem Positiven Journalismus fördern.
Schließe jetzt ein Probeabo ab und profitiere von exklusiven Vorteilen wie z. B. dem digitalen & gedruckten Jahresrückblick 2021!

GNM+

Cara Buchborn

Floskeln, Wortspiele und schlechte Quellenarbeit kommen an unserer Chefredakteurin nicht vorbei. Cara ist die Kritikerin der Kritiker:innen mit ganz viel Empathie und Herz. Im kommenden Frühjahr schließt sie ihr Journalismus Studium ab. Sie fordert Menschen gerne heraus, die Welt, ihr Leben, ihre Einflüsse und ihr Umfeld neu zu betrachten. Journalismus ist für Cara die Möglichkeit, Zusammenhänge darzulegen, Zugang zu Wissen zu ermöglichen und Fakten einzuordnen.

Diese Good News könnten dich auch interessieren