“Viele von euch wären wahrscheinlich ein Bestseller”

Die Human Library Organization – Eine Bibliothek der Menschen

von | 21. November, 2022

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Bei der Human Library kann man sich Menschen als Buch ausleihen und mit ihnen über ihr Leben sprechen, um die bestehende Vielfalt der Gesellschaft zu erforschen und sich mit ihr auseinanderzusetzen.

Ein Buch liest man meistens im Stillen, allein für sich. Doch was, wenn das Buch nicht aus Papier und Druckerfarbe besteht, sondern als echter Mensch vor einem sitzt?

Die internationale Non-Profit-Organisation The Human Library Organization schafft auf Veranstaltungen auf der ganzen Welt einen sicheren und neutralen Raum, in dem sich Leser:innen menschliche Bücher ausleihen und mit ihnen Gespräche führen können. 

Wie es ist, einem menschlichen Buch alle Fragen stellen zu können, die man sich sonst nie trauen würde zu fragen und darauf sogar Antworten zu erhalten, durfte unsere Redakteurin Pia Bergmann vor Kurzem selbst erfahren. Bei einer online-Veranstaltung der Human Library konnte sie sich zwei menschliche Bücher ausleihen und war von dem folgenden Austausch begeistert. Für sie stand danach fest: Diese Erfahrung möchte sie unbedingt wiederholen.

“Unjudge someone” – verurteile jemanden nicht

Wir bewegen uns im Alltag meist in unserer eigenen kleinen Welt und fühlen uns in dieser Blase auch am wohlsten. Wenn wir aber auf Menschen außerhalb unserer Blase treffen, kann das aufgrund von Vorurteilen zufür Unverständnis, Ignoranz oder Diskussionen führen. Durch die Algorithmen im Internet und auf Social Media wird diese Filterblase häufig noch verstärkt. Dort werden uns vorwiegend Inhalte angeboten, die unserem eigenen Weltbild entsprechen.

Wenn wir aber doch mit anderen Lebensrealitäten konfrontiert werden, stecken wir die Menschen hinter den entsprechenden Posts oft innerhalb weniger Sekunden in Schubladen. Die Human Library Organization möchte diese Blasen und Vorurteile herausfordern, indem sie einen Dialog zwischen Menschen erleichtert, die normalerweise wahrscheinlich nicht ins Gespräch gekommen wären. So will sie zu mehr Offenheit, Verständnis und Respekt in der Gesellschaft beitragen. 

„People volunteer to be an open book for us.“

Ronni Abergel, Gründer
Ronni Abergel. Foto: The Human Library Organization

Die menschlichen Bücher der Human Library sind alle ehrenamtlich tätig und stehen mit ihrem Thema jeweils für eine Gruppe in der Gesellschaft, die häufig Vorurteilen, Stigmatisierungen oder Diskriminierungen ausgesetzt ist. Die Themenauswahl ist breit gefächert und umfasst beispielsweise Obdachlosigkeit, Alkoholsucht, Autismus oder Bipolarität. Alle menschlichen Bücher haben in ihrem Leben persönliche Erfahrungen mit ihrem Thema gemacht. 

Leserschaft aus der ganzen Welt 

Seit der Gründung der Organisation im Jahr 2000 in Dänemark ist die Human Library stark gewachsen und inzwischen mit tausenden Freiwilligen auf sechs Kontinenten und in 85 Ländern vertreten. Ihr Hauptsitz ist in Kopenhagen. In den anderen Ländern werden gemeinsam mit Kooperationspartnern vor Ort Human Library-Events organisiert – etwa in Schulen, auf Festivals oder in Bibliotheken. Wenn man nicht in der Nähe der Veranstaltungsorte wohnt, ist das noch lange kein Grund zur Verzweiflung, denn man kann sich menschliche Bücher auch bei einem der Online-Events der Organisation ausleihen.

Um an einem solchen Event teilzunehmen, können Interessierte sich über ein Online-Formular kostenlos anmelden und erhalten daraufhin eine Einladung mit weiteren Informationen und einem Link zu einer Videokonferenz. Bereits in der Einladung wird deutlich gemacht, dass man den menschlichen Büchern zu ihrem jeweiligen Thema jede Frage stellen darf, die einem durch den Kopf geht und dass schwierige Fragen “erwartet, geschätzt und beantwortet werden”. Die goldene Regel dabei: Ein respektvoller Umgang untereinander. 

Die Auswahl an Büchern bei den Events ist vielfältig. Foto: The Human Library Organization.

Zu Beginn des Events, an dem ich teilnahm und das komplett auf Englisch stattfand, begrüßte ein “librarian” der Human Library die Leserschaft. Alle sollten hinter ihrem Vornamen den Ort ergänzen, aus dem sie zugeschaltet sind. Dadurch war auf einen Blick zu erkennen, dass Menschen aus der ganzen Welt teilnahmen: Etwa 60 Leser:innen aller Altersgruppen waren dabei, aus Ländern wie Indien, Irland, den USA, Argentinien, Kanada, Österreich, Afghanistan, Kirgistan, Israel, der Niederlande, Südafrika, Pakistan und von den Philippinen. 

“Viele von euch wären wahrscheinlich ein Bestseller”

Es folgte eine Überraschung: Ronni Abergel, Gründer und CEO der Human Library Organization, richtete selbst einige Worte an uns. Er erzählte von seiner persönlichen Motivation hinter dem von ihm ins Leben gerufenen Konzept: Bereits früher habe seine Mutter ihm immer gesagt, dass er nicht auf Menschen zeigen und sie verurteilen solle. Als Erwachsener wollte er dann gemeinsam mit seinem Bruder Dany und mit Asma Mouna und Christoffer Erichsen einen sicheren und neutralen Raum schaffen, in dem sich Menschen frei austauschen können und in dem jede Frage erlaubt ist. 

Eine Lesung während eines Events. Foto: The Human Library Organization.

Sie waren sich sicher, dass der direkte und persönliche Austausch mit einer Person mit einer anderen Lebensrealität, die direkt vor einem sitzt, helfen würde, die Vielfalt in der Welt zu verstehen. Die weltweite Begeisterung der Leser:innen und Bücher für das Projekt gibt ihnen bis heute Recht. 

Abergel betonte, dass es normal sei, wenn man sich am Anfang unsicher dabei fühle, Fragen zu stellen. Den Mut aufzubringen, fremden oder überhaupt anderen Menschen Fragen zu stellen, müsse man wie einen Muskel im Fitnessstudio trainieren. Doch wir Leser:innen sollten “mutig und neugierig” sein “und die Bücher würden wahrscheinlich sagen: ‘Danke, dass du mir diese Frage stellst.’” Und genauso war es dann auch. 

Ein Buch über die Liebe

Nachdem Abergel sich verabschiedet hatte – er sei mit Fernsehproduzent:innen für eine TV- Serie, die auf der Human Library basiert, verabredet – wurden wir in kleinere Gruppen von etwa fünf Personen eingeteilt. 

In meiner Gruppe waren noch vier andere Leserinnen aus Mexiko, Pakistan und den USA. Eine von ihnen hatte schon oft an einem solchen Event teilgenommen und war begeistert von dem Konzept. Eine andere wollte sich selbst als Buch bei der menschlichen Bibliothek bewerben und dafür erfahren, wie der Austausch abläuft. Wir alle waren sehr offen und gespannt auf das erste Buch, mit dem wir die kommenden 30 Minuten verbringen würden. 

Das erste menschliche Buch war eine fröhlich wirkende Frau, die sich mit den Worten “Hi, ich bin heute euer Buch und mein Thema ist Polyamorie” vorstellte. Polyamorie ist eine Form des Liebeslebens, bei der eine Person im Einvernehmen aller Beteiligten mehrere Partner:innen liebt und zu allen eine eigene Liebesbeziehung pflegt.

Das menschliche Buch erzählte in wenigen Sätzen von seiner Geschichte und war danach offen für all unsere Fragen. Zunächst zögerlich, dann immer selbstbewusster, stellten wir ihm sie – immer verbunden mit einem Dank an das Buch für seine Offenheit. Das Buch zeigte sich erfreut und dankbar über unser Interesse und beantwortete jede Frage ausführlich.

So erfuhren wir von den Hürden, die die Frau überwinden musste, bis sie überhaupt wusste, dass sie polyamourös ist und wie sie nach der Erkenntnis damit umgegangen ist. Sie sprach auch darüber, wie es im Alltag funktioniert, mit mehreren Personen gleichzeitig eine Beziehung zu führen und wie zum Beispiel ihr Sohn damit umgeht. Das Gespräch schaffte schon bald ein Gefühl von Vertrautheit zwischen uns Leserinnen und dem Buch.

Das Ziel der Human Library: zu mehr Offenheit, Verständnis und Respekt in der Gesellschaft beitragen. Foto: The Human Library Organization.

Ein Buch über den Tod

Aufgewärmt und beflügelt durch das Gespräch mit dem ersten Buch warteten wir auf das zweite Buch und unterhielten uns dabei ungezwungen. Die Fröhlichkeit, die das erste Buch in die Runde gebracht hatte, wirkte noch nach. Doch dann folgte ein harter emotionaler Bruch. Das zweite menschliche Buch erschien auf dem Bildschirm. Seine ersten Worte an uns lauteten: “Ich bin Mutter von fünf Kindern und mein Thema ist der Tod eines meiner Kinder.” 

Die anderen Leserinnen wirkten daraufhin zunächst schockiert und erschüttert, eine von ihnen war sichtlich den Tränen nahe. Das Buch erzählte von seinem Verlust und den Veränderungen, die daraus für sein Leben entstanden. Als wir unsere Fragen stellen durften, waren alle merklich vorsichtiger und achtsamer bei der Wortwahl und trotzdem war es schön, jede Frage stellen zu können, die uns in den Sinn kam. Trotz des traurigen Themas kam es so auch hier zu einem schönen, respektvollen und offenen Austausch. 

Wir erfuhren von der Zeit unmittelbar nach dem Tod ihres Kindes, in der es der Frau sehr schlecht ging – aber auch davon, wie sie und ihr Mann dadurch zu einer noch stärkeren Beziehung gefunden und es gemeinsam geschafft haben, mit dem Verlust ihres Kindes zu leben. Inzwischen ist die Frau selbst Mentorin für andere Eltern, die ihre Kinder verloren haben und begleitet und unterstützt sie in ihrer Trauerbewältigung. Die Stärke der Frau und die Tatsache, dass sie nun vor uns Leserinnen saß und so offen über ihren Verlust sprach, waren sehr beeindruckend. 

Während der Ausleihe der beiden Bücher kam immer wieder eine:r der “librarians” in unsere Gruppe und stellte sicher, dass alles gut ablief und sich alle Beteiligten wohl fühlten. 

Schneller als gedacht waren die Lesungen vorbei, die Zeit war durch den fesselnden Austausch schnell verstrichen. Doch die Inhalte hatten zum Nachdenken angeregt und wirkten noch lange nach, zumindest bei mir. Für mich war der Austausch zwischen uns Leserinnen aus den verschiedensten Orten der Welt unglaublich bereichernd und der Dialog mit den Büchern nicht nur ein sehr positives Erlebnis, sondern eines, das meinen Horizont erweitert.

Die „Bücher“ sind häufig dankbar über die Fragen, die ihnen gestellt werden. Foto: The Human Library Organization.

Der Zuspruch und die Wirkung der Human Library

Die Human Library entstand als Projekt für das jährliche Roskilde-Festival in Dänemark. Vier Tage lang, acht Stunden am Tag konnten Leser:innen dort mit über fünfzig verschiedenen menschlichen Büchern ins Gespräch kommen. Diese erste Veranstaltung der Human Library war ein voller Erfolg: Tausende nutzten die innovative Gelegenheit zum Austausch und “hinterließen Bücher, Bibliothekare, Organisatoren und Leser verblüfft über den Zuspruch und die Wirkung der Human Library”, heißt es auf der Website der Organisation. 

Die folgenden acht Jahre verliefen dennoch schleppend, bis das Konzept die USA und Kanada erreichte. Von da an verbreitete es sich immer schneller. Mittlerweile finden überall auf der Welt Veranstaltungen und Buchtouren der Human Library statt – in diesem Sommer gab es auch die erste Veranstaltung in einem Gefängnis. Im Männergefängnis Stoke Heath Prison in Großbritannien bekamen sechs Insassen und Gleichstellungsbeauftragte die Möglichkeit, drei menschliche Bücher zu lesen. 

Die Human Library hat bereits seit vielen Jahren eine Partnerschaft mit den Bibliotheken von Shropshire und die wiederum sind Partner des örtlichen Gefängnisses. So entstand die Idee, die menschliche Bibliothek auch dorthin zu bringen. “Mit diesem allerersten Pilotprojekt der Human Library im Gefängnis wollten wir die inhaftierten Leser ermutigen, schwierige Fragen zu stellen und miteinander zu diskutieren, um zu sehen, ob wir mehr Dinge finden können, die uns verbinden, anstatt uns (…) trennen”, so Michael Lewis, Leiter der Shropshire Libraries.

Laut Lewis weckte die Veranstaltung bei den Lesern großes Interesse und regte zu einigen offenen Diskussionen an. Einer der Leser sagte über seine Begegnung mit der Human Library: „Das Thema Trauer hat mich am meisten berührt, es brachte persönliche Erfahrungen zur Sprache, aber auf eine gesunde Art und Weise. Ich bin sehr froh über diese Erfahrung.“

Um die Qualität und Einzigartigkeit der Human Library zu schützen, sind das Konzept und die Methode in Dänemark und vielen anderen Ländern als Markenzeichen eingetragen. Die Human Library wird in Bereichen der Zivilgesellschaft und etwa an Schulen oder in Ausbildungsstätten als Lernplattform eingesetzt. Sie bietet Schulungen für Unternehmen zu den Themen Gleichberechtigung, Vielfalt und Integration an und einige der größten Unternehmen der Welt, wie Ebay, Heineken und Lego arbeiten mit der Organisation zusammen. 

Der große Zuspruch für die Human Library zeigt, dass Menschen auf der ganzen Welt das gleiche Bedürfnis nach menschlichem Zusammenhalt über räumliche, soziale, religiöse und ethnische Grenzen hinweg teilen. Er ist Beweis dafür, wie viel ein Raum, in dem Tabuthemen offen und ohne Verurteilung besprochen werden können, bewirken kann. 

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Pia Bergmann

Pia Bergmann ist Redakteurin beim Good News Magazin. Das Schreiben hat ihr schon immer viel Freude bereitet – umso besser, findet sie, dass sie beim Good News Magazin über so viele spannende, positive Menschen und Projekte schreiben kann.

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