Interview: Über das Potential von Nutzhanf für die Bauindustrie

von | 2. Juni, 2022

Hanfingenieur Henrik Pauly spricht im Interview darüber, wie Hanf die Baubranche umweltfreundlicher gestalten kann.

Viel wird gerade diskutiert über Henrik Paulys größte Leidenschaft: Hanf. Trotz fortwährender Skepsis wegen der berauschenden Wirkung mancher Hanfsorten weisen Befürworter:innen vehement auf das Potential von Hanf hin, um gegen die Klimakrise anzugehen. Denn Nutzhanf speichert große Mengen CO2, benötigt wenig Wasser und ist durch dessen Robustheit ideal, um auch mit den durch den Klimawandel veränderten Wachstumsbedingungen klarzukommen.  

Dieses Potential wird zunehmend genutzt: Die Zahl an Hanf-Äckern in Deutschland steigt seit einigen Jahren konstant an und betrug im Jahr 2020 bereits 5.362 Hektar, so viel wie seit über 70 Jahren nicht mehr. 

Das Haus aus Hanf strahlt von Innen eine natürliche Wärme aus. Foto: Henrik Pauly

Bundesvereinigung Nachhaltigkeit startete Petition

Eine Petition forderte im November die neue Bundesregierung auf, Verantwortung für die Klimakrise zu übernehmen, indem diese den Tetrahydrocannabinol (THC)-Grenzwert von derzeit 0,2 Prozent auf ein Prozent heraufsetzt. Dies würde nach einer Studie der Bundesvereinigung Nachhaltigkeit “den Anbau von Nutzhanf für Bäuerinnen und Bauern deutlich erleichtern, ländliche Regionen stärken, die Qualität von Anbauflächen aufwerten, die deutsche Wettbewerbsfähigkeit in Europa erhöhen und Arbeitsplätze in Regionen sichern, die heutzutage vom Abbau der Braunkohle geprägt sind.” 

Auch Henrik Pauly ist vom Potential des bis zu sechs Meter hohen Nutzhanfs, der sich insbesondere durch den geringeren Anteil der psychoaktiven Substanz THC vom Rauschgift Marihuana unterscheidet, überzeugt. Der 32-jährige Hanfingenieur aus Tübingen hat sich mit seinem Ingenieurbüro auf die Planung und Realisierung von Hanfkalk-Projekten spezialisiert. Außerdem teilt er sein Wissen in Vorträgen und Seminaren. Das Good News Magazin hat mit ihm gesprochen – vor der Baustelle des bisher größten, mit Hanf gestampften Haus Deutschlands im bayerischen Nördlingen. 

Henrik Pauly vor einem Hanffeld
Henrik Pauly an seinem Lieblingsort. Foto: Henrik Pauly

Im Interview: Hanfingenieur Henrik Pauly

Dein Hauptbaustoff ist Hanfkalk, woraus besteht der genau?

Henrik Pauly: Das ist einfach nur Hanf und Kalk, gemischt mit Wasser. Ohne Zusätze. Dafür wird der Hanf nach der Ernte einige Tage auf dem Feld liegen gelassen. Das nennt man dann “rösten”. Dabei zersetzt sich durch Bakterien und Schimmelpilze der natürliche Klebstoff Pektin und die Fasern können besser von dem holzigen Teil der Pflanze getrennt werden. Hanffabriken machen aus diesem Hanfstroh dann Hanffasern und Hanfschäben. Und die Schäben nutzen wir für den Hanfkalk.

Und woher kommt der Hanf?

Henrik Pauly: Der Hanf kommt entweder aus Deutschland oder Frankreich. Frankreich hat jahrelange Erfahrung im Hanfbau, aber Deutschland zieht gerade stark nach – insbesondere in der Uckermark. Für den Landwirt ist es natürlich interessant, so viel wie möglich aus der Pflanze rauszuholen und zu verkaufen. Deswegen nehmen sie meist die Köpfe ab, um die Körner – also die Hanfsamen – zu ernten und verkaufen dann das Stroh an Hanffabriken. 

Die getrockneten Hanfschäben – ein wertvoller Rohstoff. Foto: Henrik Pauly

Es gibt mehrere tausend Hanfsorten. Eignen sich diese unterschiedlich gut dafür?

Henrik Pauly: Definitiv. Deswegen setzen wir uns auch für die Hochstufung des THC-Wertes ein, denn mit der momentanen Grenze von 0,2 Prozent THC sind wir in den Sorten limitiert. Es gibt Sorten mit einem Prozent, die wir leider nicht anbauen dürfen. Doch vielleicht würde sich diese sehr viel besser eignen. Gerade wird viel dazu geforscht. Außerdem ist Hanf natürlich auch stark abhängig von der Witterung und sieht dementsprechend immer anders aus. Das Schöne ist, dass man auch im Haus später sieht, dass es eben ein Naturprodukt ist. 

Wie bist du Hanfingenieur geworden?

Henrik Pauly: Seit meinem elften Lebensjahr bin ich fasziniert davon, was man aus der Nutzpflanze Hanf alles machen kann. Das Rauchen war für mich nie interessant, aber ich fand es spannend, die Pflanze anzubauen und zu untersuchen. In der Schule habe ich dann alle Referate und sogar meine mündliche Prüfung über Hanf gehalten. Seitdem hat mich das Thema nicht mehr losgelassen.

“Hanf brennt doch bestimmt wie Zunder?” Hier beweist Pauly das Gegenteil. Foto: Henrik Pauly

Nach meiner Ausbildung als Stahlbetonbauer auf dem Bau habe ich im Bachelor und Master Bauingenieurwesen im konstruktiven Ingenieurbau studiert. Dann habe ich auch in einem großen Bauunternehmen gearbeitet, in der Bau- und Projektleitung. Dort habe ich im Team Großprojekte gemanagt, aber gemerkt, dass meine Interessen noch weiter gehen – im Sinne von nachhaltig bauen und ökologisch bauen. Vor drei Jahren hatte ich ein Projekt in Berlin. Im Hanfmuseum dort habe ich zum ersten Mal den Bau- und Dämmstoff Hanfkalk in den Händen gehalten.

Ich war erstaunt, dass man damit ganze Häuser bauen kann und noch faszinierter, als ich entdeckte, wie viele überall auf der Welt mit Hanf bauen. Zu dem Zeitpunkt war ich unglücklich in meinem damaligen Beruf und habe überlegt, was mein Traumberuf sein könnte. Plötzlich erkannte ich: Mein Traumberuf ist Hanfingenieur.

Wie war das zu diesem Zeitpunkt – in Deutschland schien es ja kaum Vorbilder zu geben?

Henrik Pauly: Ja, das war auch die große Herausforderung, weil es niemand anderen gab. Es gab ein paar Leute in Deutschland, die damals mit Hanfkalk experimentiert hatten – mit denen habe ich mich dann zusammengetan und das Hanfbaukollektiv gegründet. Meine Vorbilder waren die, die in England, Irland oder Frankreich bereits mit Hanf bauen. Die habe ich auch kontaktiert, habe deren Workshops und Seminare besucht und mir so das Wissen angeeignet. 

Und was verbirgt sich hinter dem Hanfbaukollektiv?

Der Hanfbauingenieur vor seinem neuesten Projekt. Foto: Henrik Pauly

Henrik Pauly: Wir waren eine handvoll Leute, die total begeistert sind von Hanf als Baustoff, doch wir waren alle in den Startlöchern und wussten nicht so richtig, wie wir anfangen sollen. Mit dem Kollektiv wollten wir unsere Kräfte bündeln. Denn gemeinsam sind wir stärker und können besser gemeinsam forschen als jeder für sich.

Es geht beim Hanfbaukollektiv auch viel um Forschung und Wissenstransfer über Hanf als Baustoff. Seit neuestem operiert das Hanfbaukollektiv unter dem Netzwerk Naturbauverein, denn es gibt ja noch andere natürliche Baustoffe. Wir wollen damit auch aktiv Lobbyarbeit machen, um nachhaltiges Bauen zu fördern. 

Euer Wissen teilt ihr auch durch Open Source. Wieso habt ihr euch dafür entschieden?

Henrik Pauly: Das Schöne an Hanfkalk ist, dass er so niederschwellig ist. Das heißt, auch ein Laie kann ziemlich schnell mit Hanfkalk etwas umsetzen. Obwohl wir das Wissen kostenlos bereitstellen, habe ich gar keine Angst, zu wenig zu verdienen. Denn Sonderwünsche gibt es immer von den Bauherren und die sind auch bereit, dafür Geld zu bezahlen. 

Wie fühlt es sich für dich an, dieses mühevoll erarbeitete Wissen für alle freizugeben?

Henrik Pauly: Es kostet mich immer wieder Überwindung, aber ich habe damals an der Wand meiner Bibliothek in der Hochschule gelesen: Wissen ist das einzige Gut, das sich vermehrt, wenn man es teilt. Für mathematisch Versierte vielleicht schwierig [lacht], aber so ist es. Ich gebe so viel Wissen preis, aber die Leute nehmen nicht das Wissen und gehen damit ins Nachbardorf von Tübingen und gründen da ihre Konkurrenzfirma. Das macht keiner. Und wenn jemand doch seine eigene Firma damit gründen will, ist das doch gut, weil dann wird der Markt vergrößert und es wird mehr natürlich gebaut – dann habe ich doch auch mein Ziel erreicht.

Das Schöne ist: Dadurch entsteht ein Netzwerk. Die Leute fragen trotzdem noch nach und stellen kritische Fragen – auch tiefgründige, konkrete Fragen, weil sie schon so viel Wissen erhalten haben – und dadurch lerne ich ja auch dazu.  

Natürliches Bauen mit Hanf. Foto: Henrik Pauly

Gerade passiert sehr viel in Sachen Hanf, auch in der Gesetzgebung. Doch wäre es überhaupt möglich, dass plötzlich alle neuen Häuser aus Hanf gebaut werden würden?

Henrik Pauly: Die Frage stelle ich mir auch. Denn ich will nicht enden wie die Lehmbauer vor zwanzig Jahren, die irgendwie angefangen, aber keine großen Projekte angegangen haben. Ich will den Hanfkalk salonfähig machen und auf Großprojekte bringen, weil ich davon überzeugt bin. Ich merke schon bei größeren Projekten, dass es funktioniert. Du könntest auch einen großen Plattenbau mit Hanf bauen, das ist möglich. Technisch möglich und auch praktisch. 

Und finanziell?

Henrik Pauly: Momentan ist der Baustoff noch zehn bis zwanzig Prozent teurer. Liegt aber auch daran, dass er noch nicht in der großen Masse produziert wird wie andere Baustoffe. Im Moment werden die konventionellen Baustoffe deutlich teurer, Baupreise explodieren – spannend ist, dass der Hanf kaum gestiegen ist im Preis. Dadurch ist der Hanf mittlerweile fast preisneutral. Das ist eine spannende Entwicklung und ich glaube, wenn es so weitergeht sind Hanfsteine gegen Ende des Jahres günstiger als konventionelle Steine. 

Das ist bestimmt ein wichtiger Anreiz für viele Bauherr:innen, mit Hanf – und damit nachhaltiger – zu bauen, oder?

Henrik Pauly: Viele rufen mich an und wollen ein Haus aus Hanf, sind aber nicht bereit, dafür mehr zu bezahlen. Aber du gehst ja auch nicht zum Demeter-Laden um die Ecke und kaufst Karotten und sagst zu dem Verkäufer: “Sorry, aber ich zahl maximal so viel wie bei Aldi”. Für eine höhere Qualität zahlt man eben auch mehr. 

Rechts eine Wand aus Hanfkalk, links Hanflehm mit Schilfrohr. Foto: Henrik Pauly

Doch wenn Hanfbau tatsächlich skalierbar ist – welchen Einfluss hat das auf die nationale und internationale Landwirtschaft?

Henrik Pauly: Das würde die Landwirtschaft stark verbessern. Es gibt Forschungen – und das haben mir auch Landwirte bestätigt – dass z.B. der Ertrag an Weizen bis zu 20 Prozent höher ist, wenn davor Hanf auf dem Feld angebaut wurde. Der Hanf wächst bis zu vier Zentimeter am Tag, ist also sehr ertragreich, und dadurch ergänzt er sich super in der Fruchtfolge. Ich kann ihn sogar als Zwischenfrucht anbauen. Das heißt, der Landwirt hat gar nicht groß Einbußen oder Umstellungen, sondern kann ihn einfach zusätzlich anbauen und hat dadurch noch zusätzliche Erträge. 

Durch die breite Aufmerksamkeit ändert sich gerade viel beim Thema Hanf. Doch wie schätzt du den Hanfbau in zehn Jahren ein – und was wünschst du dir?Henrik Pauly: Ich glaube und wünsche mir – darauf arbeite ich auch hin – dass wir in zehn Jahren den Hanf ganz selbstverständlich als Baustoff einsetzen werden und dass wir die Hanfbausteine – also Mauersteine aus Hanf – bei jedem größeren Baustoffhändler um die Ecke kaufen können. Ich wünsche mir, dass es ganz selbstverständlich sein wird, mit Hanf Häuser zu bauen. Und vielleicht werde ich bis dahin auch den Studiengang Hanfingenieurwesen ins Leben gerufen haben, das ist auch ein Traum von mir.

Beitragsbild: Henrik Pauly

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Nina Kegel

Nina ist stellvertretende Chefredakteurin beim Good News Magazin und vor allem eins: Neugierig. Immer auf der Suche nach Good News beschäftigt sie sich am liebsten mit Themen rund um einen nachhaltigen Wandel – egal ob kreatives Bauprojekt, ökologische Initiative oder innovatives Unternehmenskonzept, sie lässt sich für vieles begeistern. Außerdem studiert sie im Master Medienkultur und Globalisierung.

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