Immer mehr ESG-Loans: Impact mit Payback

von | 6. Dezember, 2020

Kann ein Kreditvergabe-System den Kapitalismus umkrempeln?

ESG-Loans sind Kredite, bei denen die Einhaltung nachhaltiger Standards den Zinssatz bestimmt. Je mehr ein Unternehmen auf Umwelt, Arbeitssicherheit und Menschenrechte achtet, desto günstiger wird die Leihgabe. Damit gibt es allerspätestens jetzt einen konkreten und messbaren Anreiz, ethisch-ökologisch zu wirtschaften. Ob ESG-Loans unsere Finanzwelt für immer zum Positiven verändern, erklärt Deutschlands bekannteste Wissenschaftlerin für Energie- und Klimaökonomie, Prof. Dr. Claudia Kemfert, im Interview.

Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen

Ethisch-ökologische Finanzprodukte sind längst keine Nische mehr. Viele Banken etwa werben inzwischen vollmundig mit ‚grünen‘ oder ‚sozialen‘ Geldanlagen wie Nachhaltigkeitsfonds. Dabei gehen sie häufig nach dem Best-in-Class-Prinzip vor. Hierbei wird in Firmen investiert, die möglichst effektiv die Environment-, Social- und Governance-Standards (ESG-Standards) erfüllen. Eine ebenfalls gängige Herangehensweise ist die Erstellung von Positiv-Kriterien (White-List) oder Ausschlusskriterien (Black-List), die darüber entscheiden, in wen und was investiert wird.

Rendite versus Öko?

Dabei sind solche Impact-Investments keine reine Philanthropie. Sie ergänzen vielmehr herkömmliche wirtschaftliche Kriterien. Bei der Liquidität, Rentabilität und Sicherheit kommen dadurch soziale, ethische und ökologische Bewertungspunkte hinzu. Auch hier steht die Rendite im Vordergrund. Dennoch achten aktuell erst fünf Prozent der Anleger:innen bei der Auswahl ihrer Wertpapiere explizit auf nachhaltige Kriterien. Zu diesem Schluss kam eine Auswertung der Stiftung Warentest bei über 18.000 gelistete Fonds im Jahr 2019. Demnach litten die nachhaltigen Anlageprodukte unter einem schlechten Ruf, aufgrund ihrer oftmals niedrigeren Risikostreuung. Die Sorge der Investor:innen: Kleine Portfolios mit weniger Unternehmen gleich höheres Risiko.

„… das Gegen­teil ist wahr. [E]s zeigt sich: Seit einigen Jahren schon läuft der Nach­haltig­keits­index besser.“

Stiftung Warentest

Nachhaltige Anlageprodukte krisensicher

Insgesamt bewertete Stiftung Warentest die Produkte jedoch schon damals als gleichermaßen gewinnbringend. Knapp zwei Jahre später steigt nun signifikant das Interesse an Fonds mit ethisch-ökologischen Anla­gekriterien – und das nicht nur unter jungen Leuten. Dies könnte unter anderem daran liegen, dass sich der Nachhaltigkeitsindex als krisentauglich bewies. Sowohl im Jahr vor Ausbruch von COVID19 als auch seit dem Börsencrash im Februar 2020 blieb er stabil. Insbesondere Produzent:innen regenerativer Energien schnitten besser ab als ihre Stiefkolleg:innen im fossilen Bereich.

ESG-Loans, der neue Star

Während sich das Angebot ethisch-ökologischer Aktienanlagen ausweitet, tut sich langsam aber sicher ein neuer Stern am Firmament der grünen Finanzwelt auf: ESG-verbundene Kredite erfreuen sich zunehmender Beliebtheit auch bei großen Konzernen.

Beispiele für Konzerne, die seit 2019 finanzkräftige ESG-Loans abschlossen:

UnternehmenKreditsumme in EUR
Continental4.000.000.000
Siemens3.000.000.000
Covestro2.500.000.000
Henkel1.500.000.000
Lanxess1.000.000.000
Telefónica Deutschland750.000.000

Nachhaltigkeit wird belohnt

Der Nachhaltigkeitsgedanke an ESG-Loans ist schnell erklärt: Ein Unternehmen, das diesen Kredit aufnimmt, wird für zukunftsfähiges und ethisches Wirtschaften belohnt. Hält es beispielsweise bestimmte Grenzwerte beim Ausstoß seiner Treibhausgas-Emissionen ein, sinkt der Zinssatz. Die Kreditkosten können umgekehrt aber auch steigen, wenn Standards missachtet oder verfehlt werden.

Systemsprenger oder Greenwashing?

Anders als bei Impact-Investments muss ein Unternehmen auf diese Weise nicht langfristig in (teils ungewisse) Portfolios anlegen, sondern kann sofort aktiv werden, um von den Vorteilen des Kredits zu profitieren. Wird das zugrundeliegende Prinzip konsequent angewandt, haben ESG-Loans das Potenzial, unsere Finanzwelt entscheidend zugunsten des Pariser Klimaabkommens und der Menschenrechtscharta zu verändern.

„Klimaschutz schafft soziale Gerechtigkeit“
Im Gespräch mit Prof. Dr. Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung

FLORIAN VITELLO: Wie lange dauert es denn noch bis wir unser kapitalistisches System grün und sozial für ALLE gestaltet haben, Frau Prof. Dr. Kemfert?

PROF. DR. CLAUDIA KEMFERT: Noch immer zu lange. Weil wir zu lange an der Vergangenheit festhalten und den Wandel behindern. Die ökologisch-soziale Marktwirtschaft hat noch immer eine Unwucht. Sie schafft große soziale Ungleichheiten, Ungerechtigkeiten und Umwelt- und Klimaschäden. Es muss umgesteuert werden.

Klimaschäden treffen Ärmere stärker als Reichere, die aber wiederum verantwortlich sind. Klimaschutz hingegen schafft soziale Gerechtigkeit. Die Umwelt- und Klimaschäden müssen von den Verursachern bezahlt werden, wir brauchen fossile Kostenwahrheit.

Umweltschädliche Subventionen müssen abgebaut werden. Wenn wir also jetzt kurzfristig in den Umbau der Energiewirtschaft hin zu einer Vollversorgung mit erneuerbaren Energien und Verkehrswende investieren, dann um Ungerechtigkeiten auszuräumen: Die Ungerechtigkeiten zwischen den heutigen und künftigen Generationen und die Ungerechtigkeiten zwischen den Reichen und den Armen, den Starken und den Schwachen.

VITELLO: Wie wirksam sind ESG-Loans als Mittel, um eine nachhaltige Zukunft zu gestalten?

PROF. DR. KEMFERT: Sie können nur dann wirksam sein, wenn sie auf strenge ethisch-ökologisch-nachhaltige Kriterien ausgerichtet werden, und auf soziale Gerechtigkeit, Frieden, Klima- und Umweltschutz ausgerichtet sind.

Wir brauchen daher vor allem einheitliche ESG-Standards, die auf strengen Kriterien beruhen und keine Möglichkeit lassen, quasi durch die Hintertür, fossile Erdgas-Infrastrukturen oder Atomkraftwerke zu finanzieren.

Besonders wichtig sind Klimaschutz und erneuerbare Energien, energieeffiziente Gebäude, klimaneutrale Transportmittel oder umweltfreundliche Infrastruktur. Aber auch soziale Gerechtigkeit, Gleichberechtigung in Unternehmen, Arbeitsbedingungen und Corporate Governance (Grundsätze der Unternehmensführung) sind wichtige Kriterien.

VITELLO: Wenn große Dax-Unternehmen nun bei der Aufnahme eines Megakredits, die Höhe der Zinszahlungen an bestimmte Nachhaltigkeits-Leistungen koppeln – welche Standards werden da bislang wirklich verankert?

PROF. DR. KEMFERT: Bisher wurden aufgrund fehlender Nachhaltigkeits-Standards fossile Methoden und Klimaschutz-Risiken nicht ausreichend eingepreist. Zudem werden offenbar die Klimaziele nicht ausreichend berücksichtigt, anders sind die Kredit-Finanzierungen extrem teurer, fossiler Erdgas-Infrastruktur-Projekte nicht zu erklären.

Um künftig stranded assets, also vorzeitig wertgeminderte oder wertlose Vermögenswerte, zu vermeiden, ist es enorm wichtig, dass transparente Standards geschaffen werden. Sonst wird die „Carbon Bubble“ – die fossile Resterampe der globalen Wirtschaft – weiter wachsen, womöglich platzen und muss dann im Rahmen einer „Carbon Bad Bank“ kostspielig aufgefangen werden.

Denn noch stecken viele Billionen Dollar in fossilen Industrien und noch werden – nicht nur in Saudi-Arabien, sondern auch in Europa – viele Milliarden Dollar in fossile Industrien gesteckt. Das Umsteuern ist dringend! Auch, und gerade für die Finanzwirtschaft.

VITELLO: Angenommen eine Firma erreicht ihre gesteckten Ziele nicht, was kommt dann finanziell konkret auf sie zu?

PROF. DR. KEMFERT: Monetär kann man sicherlich die stranded assets direkt beziffern. Wenig transparent kalkulierbar sind die Effekte der Kapitalmärkte durch abwertende Unternehmenswerte, beziehungsweise wegbrechende Finanzierungsmöglichkeiten. Daher muss nun umgesteuert werden und die wahren Kosten müssen eingepreist werden.

Prof Claudia Kemfert

Fossile Energien werden fast überall noch subventioniert und durch vielerlei Vorgaben bevorteilt, derartige umweltschädliche Subventionen sind enorm hoch und werden oftmals heimlich gezahlt. Konventionelle Energien werden im Übermaß bevorteilt, erneuerbare Energien beispielsweise benachteiligt. Wir benötigen eine Kostenwahrheit, die die wahren Kosten der Umwelt- und Klimazerstörung einpreist. Nur dann kommen wir zu einem echten fairen Wettbewerb. Und dann wird sich Klimaschutz endlich überall durchsetzen.

VITELLO: Wer bewertet überhaupt, ob bzw. inwieweit die Standards eingehalten werden?

PROF. DR. KEMFERT: Es müssen technische Nachhaltigkeitskriterien (Grenzwerte) für ausgewählte wirtschaftliche Tätigkeiten definiert werden, die durch eine unabhängige technische Expertengruppe (TEG) erarbeitet wurden und im Einklang mit wissenschaftlichen Erkenntnissen sind. So sind schon heute bereits für die meisten klima- und nachhaltigkeitsrelevanten Wirtschaftssektoren wissenschaftsbasierte Standards geschaffen.

Dies muss einheitlich sein, sowohl für die Finanz- als auch Realwirtschaft. Dabei wird ja unterschieden zwischen Low Carbon-, Transition- und Enabling Activities,  das heißt Aktivitäten des Klimaschutzes, der Transformation zu einer vollständigen Dekarboniserung und Maßnahmen, die den Umstieg insgesamt unterstützen. Und dann findet eine transparente Bewertung der Performance von Unternehmen mit Blick auf Maßnahmen zum Klimaschutz und zur Anpassung an die Klimakrise statt.

VITELLO: Immer wieder beklagen Fachleute das Fehlen einheitlicher Qualitätsstandards für nachhaltige Finanzprodukte – worauf warten wir?

PROF. DR. KEMFERT: Das Thema ist in der Tat in keinster Weise neu, endlich kommen wir mit dem EU Green Deal in die Puschen. Glücklicherweise kümmert sich die EU Taxonomie darum. Wir sind spät dran und sollten in der Tat nicht länger warten.

Jegliches Geld muss heute, statt in fossile, in erneuerbare Energien und Klimaschutz investiert werden. Es sind enorme Investitionsmengen notwendig, um die Transformation für eine vollständige Dekarbonisierung der gesamten Wirtschaft zu erreichen. Jegliche Investitionen in veraltete Techniken und Geschäftsmodelle verzögern diesen Prozess, schlimmer noch, sie schaffen teure Lock-in Effekte, die den Umstieg erschweren und verteuern.

VITELLO: Die Europäische Kommission arbeitet aber schon seit 2018 an einer Gesetzesvorlage, die unter anderem die Berücksichtigung von ESG-Kriterien in der Beratung mit Wertpapieren und eine einheitliche Bewertungsgrundlage vorsieht. Können wir auf Brüssel zählen?

PROF. DR. KEMFERT: Hoffentlich. Aber man nähert sich nun einer guten Lösung. Besonders wichtig sind ja deshalb einheitliche ESG-Standards, die flächendeckend angewendet werden. Und Transparenz schaffen, um zu beurteilen, ob und wie folgende Aspekte berücksichtigt werden: Klimaschutz, die Anpassung an den Klimawandel, eine nachhaltige Nutzung und Schutz von Wasser- und Meeresressourcen, der Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft, eine Vermeidung und Verminderung der Umweltverschmutzung und der Schutz und die Wiederherstellung der Biodiversität und der Ökosysteme.

VITELLO: Mal angenommen, wir sind alle daran interessiert, möglichst effektiv und realistisch nachhaltig zu wirtschaften: Welche Tipps und ‚Produktempfehlungen‘ haben Sie für Geschäftsleute und Privatpersonen?

PROF. DR. KEMFERT: Konkrete Produktempfehlungen kann die Wissenschaft nicht geben. Nur so viel: Alles, was die finanziellen Risiken ehrlich mit echter Kostenwahrheit berücksichtigt und die wirtschaftlichen Chancen des Klimaschutzes erkennt, ist gut und richtig. Die Finanzbranche ist die Schlüsselbranche zum Abbau der Carbon Bubble und zur dringend notwendigen Finanzierung der Transformation. Je mehr transparente und nachhaltige Produkte beim Umstieg helfen, desto besser. Für alle, die sich weiter informieren wollen, empfehle ich mein neues Buch „Mondays for Future“.

Kemfert vor Solaranlage

Prof. Dr. Claudia Kemfert ist die bekannteste deutsche Wissenschaftlerin für Energie- und Klimaökonomie. Sie leitet die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am DIW Berlin und ist Professorin für Energieökonomie und Energiepolitik an der Leuphana Universität. In Politik und Medien ist sie eine gefragte Expertin und eine überzeugte Kämpferin für eine zukunftsfähige Energiewende.

Beitragsbild: © Micheile Henderson / Unsplash
Bild im Text: © kai herschelmann
Portrait: © sebastian wiegand

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Florian Vitello

Florian Vitello ist Gründer des Good News Magazins. Davor beriet er Non-Profits rund um die Themen Digitalisierung und Öffentlichkeitsarbeit. Er studierte in Hamburg, Montevideo und Newscastle upon Tyne Anthropologie, Lateinamerika-Studien und Journalismus. In dieser Zeit betreute er Projekte der Internationalen Zusammenarbeit in Europa, Lateinamerika und Asien und war unter anderem für den NDR, kleine NGOs, die BBC und das Goethe-Institut tätig. Heute lebt Florian wieder im Rheinland. Er ist Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins MediaMundo und Autor des Buches "Good News - Warum die Welt nicht unter geht und wie wir lernen, uns gegen die Flut schlechter Nachrichten zu wehren"

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