Herzdruckmassage leicht gemacht

das ist ein GNM+ ArtikelErste-Hilfe lernen mit Daumenkinos

von | 8. November, 2022

Durch eine Anleitung zur Herzdruckmassage, verpackt als Daumenkino, bringt das Frankfurter Start-Up Talking Hands bereits Kindern Erste-Hilfe-Maßnahmen bei – und rettet so womöglich sogar Leben.

Beide Hände übereinander mittig auf der Brust der bewusstlosen Person platzieren, die Finger ineinander verhaken. Dann mit beiden Händen circa fünf Zentimeter tief drücken, z.B. im Rhythmus des Biene-Maja-Liedes. So funktioniert eine Herzdruckmassage – das können mit einem bunten Daumenkino nun bereits Kinder lernen. Das Frankfurter Start-up Talking Hands hat dafür mit Dr. med. Carola Holzner zusammengearbeitet. Doc Caro, wie sie online besser bekannt ist, ist Fachärztin für Anästhesiologie und setzt sich auf den sozialen Netzwerken für medizinische Aufklärung ein. Mit dem Daumenkino wollen die Talking Hands-Gründerinnen und Doc Caro schon Schulkindern zeigen, wie sie im Ernstfall handeln können.

Aus Abschlussprojekt wird Unternehmen 

Drei Jahre ist es her, dass die 28-jährige Maria Möller gemeinsam mit Kommilitonin Laura Mohn für die Abschlussarbeit ihres Kommunikationsdesign-Studiums das erste Gebärden-Daumenkino entwarfen. Durch Lauras ältere Schwester Jami besonders für Trisomie 21 sensibilisiert, wollten die beiden mit ihrer Abschlussarbeit etwas schaffen, „das das Leben von Menschen mit Downsyndrom verbessert – nicht nur auf die Fehler und Missstände hinweist, sondern aktiv etwas Gutes macht“, erinnert sich Maria an die Anfänge der Idee. 

Girlpower hoch drei. V.l.n.r.: Laura Mohn, Jami Mohn und Maria Müller. Foto: Talking Hands
Girlpower hoch drei. V.l.n.r.: Laura Mohn, Jami Mohn und Maria Müller. Foto: Talking Hands

Durch ihre Schwester Jami kannte Laura die kommunikativen Hürden von Menschen mit Trisomie 21, die Verständigung teils schwierig machen. Doch nicht nur Menschen mit Downsyndrom – das sind allein in Deutschland zwischen 30.000 und 50.000 – können sich und ihre Bedürfnisse teils nur schwer äußern. Auch Autismus und verschiedene andere Erkrankungen sorgen dafür, dass sich insbesondere viele Kinder sprachlich nur schwer verständigen können und infolgedessen unter Ausgrenzung leiden. 

Die einfache Lösung: möglichst vielen Menschen mit Daumenkinos spielerisch essenzielle Gebärden beibringen und so die gesellschaftliche Kommunikation erleichtern. Auch in einem immer internationaleren Deutschland können Daumenkinos etwa Kindern ohne Deutschkenntnisse eine erste grundlegende Kommunikation ermöglichen. Zudem wird durch das gemeinsame Lernen der Gebärden der Spracherwerb erleichtert. 

Das Daumenkino der Gebärde für
Das Daumenkino der Gebärde für “Viel Glück”. Foto: Talking Hands

Die ersten Tests waren ein solcher Erfolg, dass Laura und Maria den Schritt wagten: Im Oktober 2019 gründeten sie Talking Hands, nur drei Monate später kamen die ersten Daumenkinos aus dem Druck. Seitdem riss der Schwall an positiven Rückmeldungen kaum ab – und auch Doc Caro wurde auf das kleine Unternehmen aus Frankfurt am Main aufmerksam.  

Herzdruckmassage als Daumenkino

„Doc Caro hatte von uns gehört und dachte sich, dass die Daumenkinos nicht nur für Gebärden toll sind, sondern auch, um die Herzdruckmassage darzustellen. 

Maria Möller, Co-Gründerin von Talking Hands

Denn die bunten Zeichnungen, die durch den stroboskopischen Effekt zu einer Art Video werden, sind sehr viel verständlicher als die starren Zeichnungen mit Pfeilen, lebhafter und ansprechender. Und: Sie zeigen unsere Gesellschaft ebenso bunt wie sie ist. Bereits die über 2.000 Zeichnungen, die Laura für die allerersten Daumenkinos anfertige, zeigten die verschiedensten Frisuren, Hautfarben und Körperformen – „dass sich jeder wiedererkennen kann,“ so Maria.  

Durch die Daumenkinos lernen Kinder durch die Daumenkinos zu kommunizieren. Foto: Talking Hands
Durch die Daumenkinos lernen Kinder durch die Daumenkinos zu kommunizieren. Foto: Talking Hands

Auch ihr neuestes Daumenkino zeigt mit der Darstellung eines Mädchens, das eine Herzdruckmassage ausführt: Schon Kinder können Leben retten. Hinter dem Projekt steckt eine enge Zusammenarbeit zwischen den Gründerinnen Laura und Maria und Doc Caro. Das gemeinsame Ziel ist es, Kindern ab der siebten Klasse durch regelmäßiges Wiederholen das Durchführen einer Herzdruckmassage beibringen: 

„Der Gedanke ist, dass Kinder schon im Schulalter regelmäßig im Sportunterricht Erste-Hilfe-Maßnahmen lernen. 

Doch auch Erwachsene sollen so ihr Wissen auffrischen können. „Ehrlich gesagt habe ich, als wir das Projekt gestartet haben, Herzdruckmassagen und Erste-Hilfe-Massagen zuletzt zur Zeit meines Führerscheinkurses gemacht,“ erinnert sich Maria. Damit ist sie nicht die Einzige – ein Zustand, der mit entsprechenden Bildungsangeboten dringend verbessert werden muss. Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums könnten durch schnell durchgeführte Herzdruckmassagen jedes Jahr in Deutschland 10.000 Leben, in Europa geschätzt mehr als 100.000 Leben gerettet werden. 

Positive Resonanz 

Den ersten Praxis-Test der druckfrischen Daumenkinos gab es kürzlich in einem inklusivem Gymnasium in Aachen – begleitet von einem Kamerateam. Die Klasse war zunächst zögerlich, doch nach einer Einführung von Doc Caro legten sich die Berührungsängste schnell. Als die Kinder lernten, warum eine Herzdruckmassage so wichtig ist und wie sie damit Leben retten können, sei die Neugierde gewachsen, so Maria. 

Ein Daumenkino voller Liebe - die Gebärde für
Ein Daumenkino voller Liebe – die Gebärde für “lieb haben”. Foto: Talking Hands

Der Erfolg in der Testklasse und das schnelle ‘Ausverkauft’ im Online-Shop zeigt: Das Konzept funktioniert – und Bedarf für weitere Erste-Hilfe-Daumenkinos ist da. „Das könnten Erste-Hilfe-Maßnahmen wie die stabile Seitenlage oder der Halsgriff – wenn sich jemand verschluckt hat, was ja gerade bei Kindern mal vorkommen kann – sein.“ Auch wenn die Darstellung als Daumenkino ihre Grenzen hat, sind die Gründerinnen hochmotiviert, gemeinsam mit Doc Caro an weiteren Ideen zu feilen.  

Gebärdenlernen für alle

Doch das Herzdruckmassagen-Daumenkino ist nur eines der Projekte von Maria, Laura und Jami, um spielerisch wichtige Inhalte zu vermitteln. Dass auch Erwachsene die Vermittlung durch Daumenkinos gefällt, bekommen sie vielfach bestätigt: „Über Instagram erreichen uns oft sehr liebe Nachrichten, auch von Erwachsenen, die sagen, sie wollten schon immer mal Gebärden lernen und hatten bisher keinen Zugang dazu“, erzählt Maria.

Das Feedback ihrer Kund:innen lässt auch die Ideen für weitere Projekte wachsen. Im letzten Jahr hätten viele Eltern stolz mit den Daumenkinos gefüllte Adventskalender auf den sozialen Netzwerken geteilt. In diesem Jahr hat Talking Hands dazu passend erstmals ein Winter-Set aus 24 Daumenkinos im Sortiment, darunter etwa die Gebärden für Schal und Mütze. Außerdem erscheint im Dezember nach fast zweijähriger Entwicklung mit Pädagog:innen und Eltern auch die Talking Hands-App, mit der sie noch mehr Menschen Gebärdensprache näherbringen wollen.

„Uns geht es darum, Menschen einen Einblick in die Welt der Gebärden zu geben.“

In den letzten Jahren hat das Gründerinnenteam bereits einiges erreicht. Das große Ziel bleibt dennoch “Talking Hands in alle Kitas und Grundschulen und Förderschulen zu bringen. Wir wollen, dass Talking Hands ein Standard-Lernmittel in Bildungseinrichtungen wird. Das wäre ein superwichtiger Baustein für Inklusion.“

Beitragsbild: Talking Hands

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Nina Kegel

Nina ist stellvertretende Chefredakteurin beim Good News Magazin und vor allem eins: Neugierig. Immer auf der Suche nach Good News beschäftigt sie sich am liebsten mit Themen rund um einen nachhaltigen Wandel – egal ob kreatives Bauprojekt, ökologische Initiative oder innovatives Unternehmenskonzept, sie lässt sich für vieles begeistern. Außerdem studiert sie im Master Medienkultur und Globalisierung.

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