Ein Paar, ein Amt: Jobsharing in der Diplomatie

Wie sich ein Ehepaar die Stelle des deutschen Botschafters in Stockholm teilt

von | 21. Juni, 2024 | Füreinander

Jobsharing in der Diplomatie

Christina Beinhoff und Dr. Joachim Bertele teilen sich das Amt des deutschen Botschafters, indem sie sich alle acht Monate abwechseln. Auch in der slowenischen Botschaft funktioniert das bereits gut.

Work-Life-Balance, Viertagewoche oder Home-Office: Die Arbeitswelt befindet sich im Wandel. Immer mehr Menschen legen im Beruf Wert auf Flexibilität und eine gute Balance zwischen Arbeit und Privatleben. Ein Modell, das auf diese neuen Anforderungen eingeht, ist Jobsharing: Zwei Personen besetzen gemeinsam eine Vollzeitstelle. Genau das tun auch Christina Beinhoff und Joachim Bertele, die sich das Amt des deutschen Botschafters in Schweden teilen.

Seit August 2021 ist das Ehepaar gemeinsam an der Deutschen Botschaft in Stockholm tätig. Davor waren beide voll berufstätig beim Auswärtigen Amt, nach elf Jahren im Inland stand eine erneute Versetzung ins Ausland an. Einen Ort im Ausland mit zwei Stellen in Führungspositionen gab es damals nicht, solche Orte sind ohnehin selten. So kamen sie auf die Idee, sich einen Botschafterposten zu teilen, die Schweden waren einverstanden. Alle acht Monate lösen sie sich nun ab, seit April ist wieder Joachim Bertele als Botschafter im Amt. Durch diesen Rhythmus wird die vierjährige Amtszeit in sechs Abschnitte aufgeteilt. Wer gerade nicht im Amt ist, hat Zeit für die Familie, zum Schwedischlernen oder  zum Reisen. 

Ein Vorbild in der Botschaft in Slowenien

Beinhoff und Bertele haben sich diesen Rhythmus bei Natalie Kauther und Adrian Pollmann abgeschaut, einem Ehepaar, das sich ebenfalls den Posten des Botschafters in Slowenien teilt. Der Acht-Monats-Rhythmus erlaubt genug Zeit, eigene Projekte fertig zu bringen, und ermöglicht außerdem beiden Partnern, verschiedene Jahreszeiten, Feiertage und Besuche mitzunehmen. In der deutschen Diplomatie waren Kauther und Pollmann die ersten, die im Jobsharing-Modell arbeiteten. Zuvor hatten sie sich bereits das Amt des stellvertretenden Botschafters in Sarajevo geteilt.  Im Interview mit der taz betont Pollmann, dass es besonders Heiko Maas‘ Einsatz für moderne Arbeitsmodelle und mehr Frauen in Führungspositionen war, der ihnen das Modell ermöglicht hat. 

Der größte Vorteil: Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie

Für beide Paare ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie der größte Vorteil des Jobsharings. Beinhoff und Bertele haben zwei Töchter, von denen die jüngere noch bei ihnen zu Hause in Schweden wohnt. Trotz der Auslandsversetzung als Familie zusammenbleiben zu können “und eine Art Sabbatical nach vielen Jahren im Beruf” als sehr schöner Nebeneffekt, sprechen für die beiden besonders für das Modell. 

Besonders müssen Frauen bei der Familiengründung sonst oft beruflich zurückstecken, nehmen mehr Elternzeit und sind öfter in Teilzeit angestellt. Durch Jobsharing können sie die Anteile an Lohn- und Care-Arbeit gerechter aufteilen. 

Das Modell bringt jedoch auch Schwierigkeiten mit. Beispielsweise beziehen die Partner zu zweit nur ein volles Gehalt. Außerdem erfordert es viel Absprache, Vertrauen und Organisation: “Eine Herausforderung ist die enge gemeinsame Abstimmung, die Wissens- und Netzwerkübertragung“, so Bertele und Beinhoff. Während der eigenen Amtszeit muss die andere Person mitgedacht werden. So macht manchmal der eine Termine aus, die der andere dann Monate später wahrnimmt. Verschiedene Arbeitsweisen können außerdem die Übergabe erschweren: Beispielsweise druckt Bertele viel aus und organisiert sich mit Mappen, während Beinhoff die Dinge eher im Kopf hat, wie sie in einem Interview mit der SZ berichtet hat.

Ein Arbeitsmodell für die Zukunft?

Damit das Jobsharing funktioniert, müssen viele Faktoren passen, unabhängig davon, ob die Arbeitnehmer verheiratet sind oder nicht. Die jeweiligen Qualifikationen und Jobansprüche müssen übereinstimmen, die Zeitaufteilung muss für beide Parteien passen, es muss viel kommuniziert werden. Diese Faktoren machen das Jobsharing-Modell weniger breit anwendbar als andere flexible Arbeitsmodelle. 

Besonders in der Diplomatie scheint Jobsharing jedoch eine zukunftsträchtige Lösung zu sein. Beinhoff und Bertele sehen durchaus den Bedarf dafür. Wegen der hohen Arbeitslast und vieler Ortswechsel kann es gerade hier schwierig sein, Karriere und Familie zu vereinbaren. Teilzeitstellen sind in hohen Ämtern oft keine Option. Jobsharing ist eine Möglichkeit, diesen Herausforderungen zu begegnen. Das Auswärtige Amt selbst spricht davon, mit dem Modell „gute Erfahrungen“ zu machen. Für Christina Beinhoff und Joachim Bertele klappt es jedenfalls: “Wir hoffen, dass wir zeigen, dass dieses Modell funktioniert.” Ihnen zufolge könnte das Modell Jobsharing in der Diplomatie langfristig weiter Verbreitung finden. 

Beitragsbild: Deutsche Botschaft Stockholm

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