Die Kraft des Helfens

Eine Geschichte von Flucht und Entscheidungsmacht

von | 22. November, 2020

Ali Alirezaei ist ein eindrucksvolles Bespiel dafür, dass gegenseitige Hilfe Leben verändern kann. Die Frage: „Warum tust du denn so viel für andere?“ Findet er vor allem deshalb so unverständlich, weil sie ein Bild von Helfen als unentgeltliche Arbeit impliziert. Als etwas, das uns eine Last sein müsste und eigentlich jeder (kapitalistischen) Logik widerspricht. Doch Helfen verbindet. Es zeigt uns, dass wir etwas bewirken können und dass eine Welt möglich ist, in der wir das Beste füreinander wollen.

„Alles geht vorbei“

Als ich im Juli und August 2019 als Rettungsbootfahrerin und Erstversorgerin mit der Organisation „Refugee Rescue“ auf Lesbos war, brachten wir 3.653 fliehende Menschen sicher an Land. Ali Alirezaei war einer von ihnen. Das, was er sagte, ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben. Ali war erst 20 Jahre alt. Nachdem wir ihn ins Camp gebracht hatten, setzte er sich neben mich auf eine Bank und fragte, wie es nun weitergehen würde. Hinter uns stand ein Zelt des Transitcamps der Flüchtlingsagentur der Vereinten Nationen (UNHCR). Während wir uns hier unterhielten, ahnten wir nicht, dass nur sechs Monate später, nach einem schweren Brand, nichts mehr von dem Camp und dieser Bank übrig sein würde. Für viele Menschen ist die Lage in Lesbos aussichtslos. Unter diesen Bedingungen ist es nicht einfach, physisch und psychisch gesund zu bleiben. Auch Alis Asylantrag wurde wegen der Covid–19 Pandemie noch weiter verschoben. Trotz allem lässt er sich nicht entmutigen. Er sagt, dass es nur drei wichtige Worte im Leben gebe: „Alles geht vorbei“. Er sei jetzt gerade auf der Flucht und steckt mit tausenden Menschen in einem Camp fest, das ist Teil seiner Geschichte. Nicht aber der Anfang und erst recht nicht das Ende.

Wenn wir Zahlen hören, vergessen wir oft, dass es sich dabei um reale Menschen handelt. Zahlen haben keine Gesichter. Dabei sind seit 2014 sind mehr als 18.000 Menschen im Mittelmeer, an unseren europäischen Außengrenzen ertrunken. Menschen mit Familien, Träumen und Geschichten. Die europäische Außengrenze ist damit zur tödlichsten Grenze der Welt geworden. Die Überlebenden landen in überfüllten Camps. Als ich Ende August 2019 wieder nach Hause geflogen bin, ist Ali gerade in das berüchtigte Camp Moria gebracht worden. Mit ihm lebten etwa 20.000 weitere Menschen an einem Ort, der für nur knapp 3.000 Menschen Platz hatte. Etwa ein Jahr nach seiner Ankunft, im September 2020 brannte Moria vollständig ab.

Die tödlichste Außengrenze der Welt

Von der Uni aufs Schlauchboot

Vor seiner Flucht hat Ali als Englischlehrer an der Universität in Kabul gearbeitet. Er habe sich daran gewöhnt, dass beinah täglich Menschen von Terrorgruppen getötet wurden. 2018 überlebte er dann selbst einen Bombenanschlag. Danach war ihm klar, dass er in Afghanistan nie die Chance auf eine Zukunft haben würde. Auf dem Meer zwischen der Türkei und Lesbos kreuzten sich dann unsere Wege. Er saß in einem kleinen, nicht seetauglichen Schlauchboot, ich saß auf MoChara, dem einzigen Rettungsboot in der nördlichen Agäis

Aktiv, stark und selbstbestimmt

Im Camp angekommen, erzählte er mir von seiner Geschichte. Wenn er wieder ein selbstbestimmtes Leben führen kann, will er professioneller Kickboxer werden. Dieser Traum bringt ihn acht Monate lang durch die schwere Zeit in Moria. Er hat beschlossen, dass er sich nicht in die Rolle eines ‚unmündigen Flüchtlings‘ drängen lassen will. Um seine Identität zu bewahren, muss er aktiv bleiben. Er hat miterlebt, was Hoffnungslosigkeit aus den Menschen machen kann. Deshalb bleibt er nicht untätig. Er darf in Europa noch nicht arbeiten, also arbeitet er ehrenamtlich.

Gutes tun ist eine Entscheidung

Ali will seinen Mitmenschen in Lesbos helfen. Er wundert sich darüber, dass andere ihn fragen, wieso er das tut. „Wir alle sind Menschen und allein deswegen müssen wir einander unterstützen“, sagt er. Deshalb hilft er den Ärzt:innen einer NGO als Übersetzer. Um selbst in einem Krankenhaus zu arbeiten, bräuchte er eine Arbeitserlaubnis, eine Ausbildung und entsprechende Zertifikate, das alles kann er nicht vorweisen. Doch auch das entmutigt ihn nicht. Stattdessen liebt er es, sich für andere zu engagieren, wo er kann: „Als Freiwilliger zu arbeiten heißt mit deiner Entscheidung allein kannst du anderen Gutes tun und das ist großartig!“

Die Kraft der Eigenverantwortung

Sein Engagement gibt Ali viel Kraft. Anderen zu helfen ist für ihn selbstverständlich. Gleichzeitig sagt er, auch selbst davon zu profitieren: „Viele Menschen drehen unter den Lebensbedingungen im Camp einfach durch. Wir sehen in der Klinik oft Verletzungen von Auseinandersetzungen im Camp. Doch die Leute wissen, dass ich ihnen helfe, deshalb lassen sie mich meistens in Ruhe. Sie respektieren mich, weil sie sehen, dass ich nur Gutes tun will.“ Sein Engagement hat ihm nicht nur im Camp geholfen, es war auch sein Ausweg aus Moria. Einige ehrenamtlichen Helfer:innen können sich eine Wohnung in Mytilini mieten, wodurch auch Ali inzwischen ein fast normales Leben führen kann. „Unser Koordinator in der Klink hat mich immer unterstützt, weil er gesehen hat, dass ich auch andere unterstützen will.“

Die Wege des Schicksals

Aufgrund dieser Einstellung kreuzten sich im September 2020 unsere Wege ein zweites Mal. Ich war gerade Kapitänin eines Schiffes für Menschenrechtsbeobachtungen bei Lesbos, als mein Schiff plötzlich von drei Einheiten der griechischen Polizei gestürmt wurde. Zwei Tage später brannte Moria und wir fühlten uns von der dadurch ausgelösten Flüchtlings- und NGO-Feindlichkeit auf der Insel bedroht. Wir verließen vorerst das Schiff und als ich Ali von den Ereignissen berichtete, bot er mir sofort seine Hilfe an. Mein Handy und mein Tablet waren in einem fremden Land konfisziert worden, ich hatte keine Möglichkeit irgendjemanden zu kontaktieren, den ich länger als drei Tage kannte. Für Ali war es selbstverständlich, dass ich vorerst in seine WG kommen konnte, unabhängig davon, dass auch wir uns kaum kannten.

Glücklich, aber nicht zufrieden

“Ich bin dankbar dafür, dass ich helfen kann und nicht mehr in Moria bleiben muss“, sagt ein Mitbewohner, der ebenfalls ehrenamtlich als Übersetzer arbeitet. Gemeinsam gestalten sie ihr Leben so gut wie möglich. „Fast könnte man vergessen, dass wir hier immer noch feststecken.“ Auch Ali schätzt die Zeit in der WG sehr. „Ich bin glücklich, aber nicht zufrieden mit meiner Situation.“ Er hilft gerne in der Klinik, trotzdem kann er hier nicht seine Träume verwirklichen. Jeden Tag trainiert er drei Stunden, denn er will nach wie vor professioneller Kickboxer werden. Seine derzeitige Situation betrachtet er als Motivation. „Alles ist möglich. Irgendwann habe ich es geschafft und kann den Leuten sagen: Ich habe Moria überlebt, ich habe das alles überstanden und meine Träume verwirklicht und das kannst du auch!“

Positive Energie

Auch Hamid Nourozi ist Kickboxer und trainiert täglich während seines Aufenthaltes auf Lesbos. „Es ist wichtig, sich nicht aufzugeben, selbst in schwierigen Zeiten.“ Viele Menschen leiden sehr unter den Lebensbedingungen und geben sich mit der Zeit auf. Hamid kann die Resignation verstehen, will ihr aber nicht nachgeben. „Welches Hindernis auch immer in meinem Weg steht, ich werde einfach lächeln und immer weiter machen“. Dabei hilft ihm vor allem seine Trainingsgruppe Team Energy. Sie sei wie eine Familie. „Wir nennen uns Team Energy, weil positive Energie das aller wichtigste im Leben ist“ erklärt Ali. Die Menschen in Moria haben gelernt, dass sie nicht viel von den griechischen Behörden erwarten können, deshalb sei es so wichtig, sich selbst und seinem Umfeld positive Energie geben zu können und sein Glück nicht von anderen abhängig zu machen.

Moria braucht alle Aufmerksamkeit

Trotz allem sind die Bedingungen auf Lesbos für Geflüchtete noch immer katastrophal. Nach dem Brand in Moria harrten Familien tagelang auf der Straße aus und ehrenamtlichen Helfer:innen wurde verboten, dort Essen auszugeben. Inzwischen wurde ein neues Camp errichtet. Noch immer gibt es kein fließendes Wasser, keinen Schutz vor Nässe und Kälte. Die Menschen im Camp sind darauf angewiesen, sich gegenseitig zu helfen. Ali versucht seine Freund:innen, die noch immer dort leben müssen, so gut er kann zu unterstützen. Besonders warme Kleidung wird gebraucht, viel mehr aber ein sicheres Zuhause, das nicht beim nächsten Regenschauer weggespült wird.

Die Menschen kämpfen im neuen Camp in Moria mit den Verhältnissen. (Foto: Isabelle Mierau)

Mitspracherecht beim Schicksal

Vielleicht ist es nicht immer purer Altruismus, sondern auch die Erfahrung selbst einmal Hilfe gebraucht und bekommen zu haben, die uns dazu bewegt, anderen Menschen zu helfen. Wir erinnern uns an das Gefühl der Dankbarkeit und kennen aufgrund unserer eigenen Erfahrung ihren Wert. Menschen wie Hamid und Ali haben sich entschlossen, alles zurück zu lassen, um eines Tages frei und sicher leben zu können. Moria, die ständige Lebensgefahr und bürokratische Rückschläge sind für viele der Preis für diese Freiheit. Immer wieder betont Ali, dass seine Situation unumstritten inakzeptabel ist, dass dies aber kein Grund für ihn sei, unglücklich zu werden. „Ich wurde nicht als Gewinner geboren, klar, aber auch nicht als Verlierer. Ich wurde als Mensch geboren, der seine eigenen Entscheidungen fällt.“ Alis Einstellung zum Leben zeigt, dass im Grunde alles überwindbar ist. Auch wenn Dinge in der Welt passieren, die schrecklich ungerecht sind, haben wir bei unserem Schicksal ein Mitspracherecht. Jeder Mensch hat angesichts schwerer Schicksalsschläge das Recht, zu resignieren. Genauso bleibt aber die Chance, aus ihnen heraus zu wachsen.

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