Aus Toilettenschüssel wird Ziegelstein

Cleveres Recycling: Backsteine aus Industrie- und Bauabfällen

von | 1. März, 2022

Ein ganz normales Haus in Manhattan? Nicht ganz. Das Haus wurde mit Backsteinen aus recyceltem Müll gebaut.

Ecke 11th Avenue zwischen der 47th und 48th Street, Hell’s Kitchen, Manhattan, New York: Backsteingebäude an Backsteingebäude, schicker Industrial-Style, Klischee-Schauplatz eines jeden amerikanischen Liebesfilms. Das graue Gebäude an der Ecke reiht sich in das grau-bräunliche Ton-in-Ton-Ensemble ein. Einzig der gläserne, futuristische Aufbau sticht heraus und lässt kaum erahnen, dass in der Fassade circa 280 Tonnen recycelter Industrie- und Bauabfällen stecken.

So kann cleveres Recycling aussehen. Das The West in Manhattan.
Das eindrucksvolle Gebäude aus recyceltem Müll. Foto: StoneCycling

Cleveres Recycling

Nachdem die vom niederländischen Unternehmen StoneCycling entwickelten WasteBasedSlips bereits in den Niederlanden, Großbritannien, Luxemburg und Deutschland Einsatz fanden, wurden sie nun auch zum ersten Mal in den USA verwendet. Die Ziegelsteine bestehen zu 60 Prozent aus Abfällen wie Toilettenschüsseln aus Keramik, Dachziegeln und Stahl und stehen ganz in der Tradition des niederländischen Ziegelbaus, der etwa durch die Amsterdamer Grachten weltweit bekannt ist. 

Aus diesem Müll wird schon bald ein neues Baumaterial. Foto: Dim Balsem

Bisher erforderte die Herstellung von konventionellen Ziegeln durch das Brennen des Tons viel Rohmaterial und war sehr energieintensiv. Die WasteBasedSlips reduzieren hingegen den Bedarf an neuen Materialien enorm, wie Ward Massa, Mitbegründer des Unternehmens, erklärt. Außerdem hat der verwendete Industrieabfall zum Teil einen niedrigeren Schmelzpunkt, sodass beim Brennen der Ziegel eine geringere Temperatur notwendig ist. 

Tom van Soest und Thomas Zeegers stellen die Steine in Handarbeit her. Foto: Nienke Krook
Das Resultat: Ein neuer Stein. Foto: Nienke Krook

Wirkungsvolle Details

Realisiert wurde das New Yorker Gebäude The West, das 219 Wohnungen fasst, von einem niederländischen Architekturbüro. Diese setzten die WasteBasedSlips vielfältig ein: In der Lobby etwa, wo einige der Steine leicht aus der Wand ragen und so ein unauffälliges Morsecode-Gedicht über das Viertel Hell’s Kitchen bilden. 

Das Morse-Gedicht in der Eingangshalle. Foto: Nienke Krook

Betrachtet man die Steine aus der Nähe, fallen schnell ihre unterschiedlichen Strukturen auf. Mal glatter, mal körniger wirkt die Fassade so, als hätten sie bereits ein ebenso langes Leben hinter sich wie die umliegenden Gebäude. Der verwendete recycelte Abfall bestimmt dabei die Struktur ebenso wie die Farben, die Namen wie Radieschen, Nougat oder, im Fall von The West, Trüffel, tragen. Der Abfall des Gebäudes stammt übrigens aus den Niederlanden, Deutschland und Großbritannien. 

Die Fassade des New Yorker Gebäudes. Foto: StoneCycling/ Tom van Soest
Der blaue Himmel über New York lässt das The West erstrahlen. Foto: StoneCycling

Entwicklung

Bisher liegt der Recyclinganteil der Ziegel bei 60 Prozent, doch schon nächstes Jahr könnte es für StoneCycling durch spezielle Maschinen in einer eigenen Fabrik möglich sein, die Ziegel vollständig aus recycelten Materialien zu formen. Auch die Kosten sollen in Zukunft sinken. Hierfür ist entscheidend, dass das Recycling für Unternehmen preisgünstiger wird als der Abbau von Rohstoffen. Noch sind die Ziegel mit 14 Dollar pro Quadratmeter sechs Dollar teurer als konventionelle Ziegel in den Niederlanden, weshalb das Unternehmen ihnen selbst einen high-end-Status zuschreibt. Der steigende Druck auf die Baubranche könnte dem WasteBasedSlip und seinem massiveren Bruder, dem WasteBasedBrick, in den USA, aber vor allem in Europa einen großen Erfolg verschaffen.

Aus alt mach neu. Foto: StoneCycling.

Beitragsbild: StoneCycling

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Nina Kegel

Nina ist stellvertretende Chefredakteurin beim Good News Magazin und vor allem eins: Neugierig. Immer auf der Suche nach Good News beschäftigt sie sich am liebsten mit Themen rund um einen nachhaltigen Wandel – egal ob kreatives Bauprojekt, ökologische Initiative oder innovatives Unternehmenskonzept, sie lässt sich für vieles begeistern. Außerdem studiert sie im Master Medienkultur und Globalisierung.

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