Wo geht die Reise hin?

das ist ein GNM+ ArtikelBarrierefreie Mobilität: Warum sie allen nützt & Beispiele

von | 11. Juni, 2024

Rampen, Aufzüge, abgesenkte Bordsteine – die drei üblichen Verdächtigen, die uns in den Sinn kommen, wenn es um barrierefreie Mobilität geht. Doch ist das schon alles? Wir haben uns gefragt, was barrierefreie Mobilität genau bedeutet, inwiefern sie uns allen nützt und welche gelungenen Beispiele für barrierefreie Mobilität es schon gibt.

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Wo geht die Reise hin?

Endlich grenzenloser Fahrspaß

Ziemlich genau vor einem Jahr, im Good News Magazin Wir feiern das Leben. Wir feiern den Tod., habe ich im Interview mit meiner Kollegin Viktoria Franke von meinem Spießrutenlauf zu einem behindertengerecht umgebauten Auto erzählt. Das angepasste Fahrzeug ermöglichte mir vor allem Freiheit und Selbstbestimmtheit, doch ich zahlte auch einen hohen Preis dafür. Heute kann ich stolz berichten: Der Fahrzeugkredit ist abgelöst, bis auf den letzten Cent! Und das sogar mehr als zweieinhalb Jahre früher als geplant. Wie das gelungen ist? Ironischerweise dadurch, dass ich mein Auto im vergangenen Jahr nur selten nutzen musste. Das Geld, das ich normalerweise an der Zapfsäule ausgegeben hatte, konnte in die Tilgung des Fahrzeugkredites fließen. Aus gesundheitlichen Gründen hat es mich auf eine der Ostfriesischen Inseln verschlagen (Na gut, ich wollte auch die spektakulären Sonnenuntergänge über der Nordsee nicht mehr missen!). Hier ist ein Auto das wohl unpraktischste Verkehrsmittel überhaupt. Gleichzeitig gibt es nur ein rudimentäres Angebot an öffentlichen Verkehrsmitteln, und die sind nicht barrierefrei. Die meisten Menschen bewegen sich hier zu Fuß oder mit dem Fahrrad fort, manche flitzen, wie ich, mit einem E-Scooter über die Insel.

Barrierefreie Mobilität fängt schon zu Hause an

Tatsächlich beginnt barrierefreie Mobilität jedoch schon viel früher. Als Teenager saß ich oft zu Hause, während meine Mitschüler:innen sich verabredeten und ihre Freizeit gemeinsam verbrachten, da ich nicht die nötigen Hilfsmittel hatte, um überhaupt vor die Tür zu gehen. Heute sieht das schon ganz anders aus.

Meine Gehstützen, mein manueller Rollstuhl und die individuell angepasste Ausstattung meines Fahrzeugs sind beinahe old school. Inzwischen lassen sich behindertengerecht umgebaute Fahrzeuge sogar ausschließlich per Sprachsteuerung fahren. Exoskelette für querschnittgelähmte Menschen; Handschuhe, die taktile Reize in Sprache, Ton und Licht umwandeln; Rollstühle, die Treppen überwinden wie eine Planierraupe; High-Tech-Prothesen; Mikrochips, die im Gehirn, am Rückenmark oder an einem betroffenen Körperteil die Nervenimpulse steuern – vieles ist bereits möglich.

Zu sehen ist das Hamburger Konzerthaus
Hamburg barrierefrei entdecken Foto: Lukas Kapfer | www.th-10.de | Gesellschaftsbilder.de

FabLabs verbessern die Hilfsmittelversorgung von Menschen mit Behinderung

Der Haken sind die Kosten. Solche Hilfsmittel finanzieren Kranken- und Unfallversicherungen nur selten. Maker Spaces und Fabrication Laboratories stehen daher immer mehr im Fokus der Hilfsmittelentwicklung.  

Maker Spaces und Fabrication Laboratories, kurz Fab Labs, sind kreative Werkstätten oder Gemeinschaftsräume, die mit verschiedenen Werkzeugen, Maschinen und Technologien ausgestattet sind, um Menschen aller Altersgruppen und Hintergründe die Möglichkeit zu geben, ihre Ideen in die Realität umzusetzen. Diese Räume dienen als Treffpunkt für Hobbyist:innen, Tüftler:innen, Künstler:innen, Ingenieur:innen und alle, die gerne experimentieren und neue Dinge erschaffen möchten.

Typischerweise bieten die offenen Werkstätten eine breite Palette von Ausrüstungen und Ressourcen an, darunter 3D-Drucker, Laserschneider, CNC-Maschinen, Elektronikwerkzeuge, Handwerkzeuge, Nähausrüstungen, Programmierplattformen und vieles mehr. Diese Ausstattung ermöglicht es den Besucher:innen, Prototypen zu erstellen, Produkte zu entwickeln, Kunstwerke zu schaffen oder einfach nur Spaß beim Experimentieren zu haben.

Maker Spaces und FabLabs sind meist an technischen Hochschulen angesiedelt. Sie fördern eine offene und kollaborative Atmosphäre, in der Mitglieder ihr Wissen und ihre Fähigkeiten teilen, voneinander lernen und sich gegenseitig inspirieren können. Oft bieten sie auch Kurse, Workshops und Veranstaltungen an, um die Gemeinschaft zu stärken und die Fähigkeiten der Teilnehmer:innen zu erweitern.

Ihren Ursprung haben sie am Center for Bits & Atoms des renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) in den USA. Im Jahr 2002 leitete der Mathematiker und Physiker Neil Gershenfeld ein wegweisendes Seminar mit dem Titel „How to Make (Almost) Anything“ – auf Deutsch: „Wie man (beinahe) alles herstellt“. Zu diesem Zweck wurde eine eigene Werkstatt, das erste FabLab, auf dem MIT-Campus eingerichtet. Ausgestattet mit hochmodernen, computergesteuerten Maschinen für verschiedene Fertigungsverfahren, trat diese kleine Produktionsstätte in direkte Konkurrenz zu den führenden Standards der Industrie, insbesondere im Bereich der Schnellen Fertigung (Rapid Manufacturing). Sie ermöglichte es, Einzelstücke schnell und flexibel herzustellen und ebnete den Zugang zur Fertigungstechnologie für alle.

Individuell angepasste Gehstock-Griffe aus dem 3D-Drucker? Einsatzbereit in 48 Stunden. Intelligente Stoffe, die mittels Sensoren eine Veränderung des Herzschlags oder der Schweißproduktion wahrnehmen und Panikattacken oder epileptische Episoden anzeigen? Kein Problem. Schuhe, die ähnlich wie erdbebensichere Hochhäuser einen schwankenden Gang ausgleichen – in der Mache. Wenn behinderte Menschen und Maker:innen zusammenkommen, entstehen innerhalb kürzester Zeit Innovationen, die den Alltag mit Behinderung leichter machen. Zugleich sind sie günstiger als hochentwickelte Hilfsmittel und vor allem maßgeschneidert statt von der Stange.

Wheelmap, BrokenLifts.org und TripView – Apps sind das A und O für barrierefreies Reisen

Einmal draußen, eröffnen sich wieder zahlreiche Möglichkeiten zur barrierefreien Fortbewegung. Taktile Leitsysteme auf dem Boden, akustische Signale an Ampeln, Fahrpläne als Sprachausgabe oder 3D-Stadtmodelle mit Braille-Schrift – die Klassiker! Daneben bieten zahlreiche Apps Barrierefreiheit auf dem Weg zum Kaffee mit Freund:innen oder beim Gang zum Supermarkt.

Der Berliner Verein Sozialhelden e.V. entwickelte beispielsweise 2010 die Wheelmap, eine Karte für rollstuhlgerechte Orte. Beschränkte sich diese zunächst auf Berlin, ist die App als Open Source-Lösung inzwischen weltweit in 33 Sprachen verfügbar. Jede:r Nutzer:in kann mit einem Ampelsystem kennzeichnen, wie barrierefrei der aktuelle Aufenthaltsort ist – kostenlos und ohne vorherige Registrierung. So können alle leicht dazu beitragen, barrierefreie Orte sichtbar zu machen und Menschen mit Behinderung oder zum Beispiel Kinderwagen-Nutzer:innen den Ausflug in die Stadt erleichtern.

Ebenfalls vom Sozialhelden e.V. stammt BrokenLifts.org, eine Online-Plattform, die Aufzugstörungen in Berlin und Umgebung sowie den Status der Reparaturarbeiten in Echtzeit anzeigt. Das Projekt soll zukünftig auch in anderen Städten verfügbar gemacht werden, sodass die erhobenen Daten in einer Accessibility Cloud gesammelt vorliegen und für weitere Entwicklungen zu barrierefreier Mobilität genutzt werden können.

Vorreiterin hierbei ist Sydney, dort stellt die App TripView in Echtzeit Informationen über barrierefreie Verkehrsrouten sowie Zugänge zu öffentlichen Einrichtungen bereit. Cassie Hames, eine blinde Programmiererin, entwickelt derzeit die App See Me, die sehbehinderten und blinden Menschen das Busfahren erleichtern soll. Der Prototyp der App signalisiert unter anderem bereits vor Fahrtantritt dem Busfahrer, dass eine Person mit Sehbehinderung einsteigen möchte, und ermöglicht die Voranmeldung von Assistenz. Außerdem sagt die App Haltestellen an und kommuniziert das Stopp-Signal, sobald ein:e Nutzer:in aussteigen möchte.

Eine Assistenzhunde-Halterin steht mit ihrem Elektrorollstuhl auf einer grünen Wiese. Sie spielt mit ihren beiden Assistenzhunden.
Assistenzhunde unterstützen Menschen mit Behinderung im Alltag Foto: Andi Weiland | Pfotenpiloten e.V. | Gesellschaftsbilder.de

Abgesehen von zahlreichen technischen Hilfsmitteln spielen auch Assistenztiere eine wichtige Rolle für barrierefreie Mobilität. Sie geben ihren Bezugspersonen nicht nur Orientierung, sondern sie zeigen auch hilfreiche Stationen auf der gewünschten Route an, wie Zebrastreifen, Ampeln, abgesenkte Bordsteine, Haltestellen oder Sitzbänke zum Ausruhen. Darüber hinaus behalten sie Hindernisse im Auge wie stark befahrene Straßen, Stufen, Pfosten oder Schlaglöcher und navigieren ihre:n zweibeinige:n Begleiter:in geschickt daran vorbei. Außerdem können Assistenztiere meist Knöpfe und Schalter bedienen, zum Beispiel um einen Aufzug zu rufen oder einen automatischen Türöffner zu aktivieren.

Eine weitere wichtige Aufgabe von Assistenztieren ist es, ihren Halter:innen außerhalb der gewohnten häuslichen Umgebung Schutz zu bieten, beispielsweise wenn sie in großen Menschenmengen oder Einkaufszentren einen gewissen Abstand zu ihren Mitmenschen benötigen, um entspannt Erledigungen nachzugehen.

Die Wheelmap, BrokenLifts.org und gesellschaftsbilder.de wurden vom Berliner Verein Sozialhelden e.V. entwickelt. Seit 2004 setzen sich die Sozialheld*innen mit verschiedenen Projekten sowie Beratungsangeboten für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung in unserer Gesellschaft ein.

www.sozialhelden.de

Sharing is Caring gilt rund um die Welt

CarSharing geht auch inklusiv, zum Beispiel durch behindertengerechte Fahrzeuge mit besonders viel Platz, Rampen für einen barrierefreien Einstieg und speziell geschulte Fahrer:innen in Berlin, Hamburg, Amsterdam, Brüssel und London. Tokio geht noch einen Schritt weiter mit den Hinomaru-Taxis, die unter anderem geführte Sightseeing-Touren anbieten und speziell für ältere Menschen sowie Menschen mit Behinderungen konzipiert sind. Die Buchung erfolgt auch hier per Smartphone. 

BikeSharing wird in Stockholm und Kopenhagen für alle nutzbar durch Räder mit niedrigem Einstieg, Stützräder oder Tandems. In einigen Krankenhäusern und an Flughäfen in Großbritannien, Deutschland, Frankreich, der Türkei, Spanien, Italien und Israel stehen an WheelSharing-Stationen Rollstühle oder E-Scooter zur Verfügung, die bargeldlos und ohne App gemietet werden können. Alles, was es braucht, ist die Handynummer der nutzenden Person sowie eine Kreditkarte, über die eine Kaution hinterlegt und die Leihgebühr gezahlt wird.

In Irland wurde in diesem Jahr The WayFinding Centre ins Leben gerufen, ein Trainingszentrum, in dem Nutzer:innen, Anbieter:innen und Planer:innen von Transportdienstleistungen gemeinsam Innovationen für inklusive Mobilität entwickeln. Auch Sensibilisierungs-Workshops zu den unterschiedlichen Bedürfnissen diverser Nutzungsgruppen sollen dort stattfinden.

Viele Möglichkeiten, eine Herausforderung: flächendeckende, länderübergreifende Angebote schaffen

Zahlreiche Länder, Städte sowie Gemeinschaften weltweit haben, abgesehen von konkreten Angeboten, in den letzten Jahren Aktionsprogramme zu inklusiver Lebensraumgestaltung und für alle nutzbare Mobilität ins Leben gerufen. Jedes dieser Programme soll den Bürger:innen langfristig mehr Freiheit, Selbstbestimmtheit und Lebensqualität bieten und Mobilität nachhaltiger machen.

Dennoch sind die tatsächlich hilfreichen, alltagstauglichen Innovationen oft erst nach intensiver Recherche oder durch den Austausch mit Einwohner:innen sichtbar. Hier gibt es definitiv noch Entwicklungspotenzial darin, die vorhandenen Informationen zu bündeln, das bereits gesammelte Wissen über Orts- und Landesgrenzen hinweg zu nutzen und so uns allen entspanntes Reisen zu ermöglichen – egal ob wir uns zu Fuß, auf zwei oder vier Rädern, Schienen, übers Wasser oder in der Luft fortbewegen wollen.

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Beitragsbild: Visit Frankfurt, Andi Weiland | Gesellschaftsbilder.de

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Cinderella Gluecklich

Cinderella brennt für soziale Gerechtigkeit, gesunde Ernährung und Technologie. Ihr Wunsch ist, dass jede:r von uns täglich etwas tut, das die Welt ein Stückchen besser macht. Damit noch mehr Menschen dazu inspiriert werden, unterstützt Cinderella das Good News Team als Redakteurin und bei Kooperationen.

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