Der Zulassungsstopp für Integrationskurse ist ein Warnsignal. Denn die Vergangenheit zeigt, dass gescheiterte Integrationspolitik zu parallelgesellschaftlichen Strukturen führen kann. Der Film “Ashayir” klärt darüber auf – und zeigt, dass es auch anders geht.
Sprache ist der Schlüssel, um sich in einer neuen Heimat zurechtzufinden. Klar, die deutsche Sprache ist wirklich nicht die leichteste. Umso wichtiger, dass es Kurse gibt, die Sprache und Kultur vermitteln. Doch genau die stehen vor dem Aus. Grund ist ein Beschluss der Bundesregierung. Der Film “Ashayir – ‘Clans’, die eine und die andere Seite” zeigt, wie wichtig gelungene Integration ist. Über persönliche Geschichten machen die Filmschaffenden deutlich, wann Integration scheitert – aber eben auch, dass sie unter den richtigen Voraussetzungen funktioniert. Dafür braucht es politischen Willen.
Die Regierung drückt auf “Stopp”. Bis Ende 2026 sollen keine Zulassungen zu Integrations- und Sprachkursen mehr ausgestellt werden. Grundlage für eine solche Zulassung war bislang §44 des Aufenthaltsgesetzes. Nach §44 Absatz 4 haben auch Menschen, die eine Duldung oder eine Aufenthaltserlaubnis besitzen, Anspruch auf Integrations- und Sprachkurse. Genau diese Personen sollen bis Ende des Jahres keine Zulassung für die helfenden Kurse erhalten. Knapp 130.000 Menschen wird somit eine wichtige Grundlage entzogen, Teil der deutschen Gesellschaft zu werden.
Denn Integrationskurse können entscheidend sein: Laut Studien der OECD und des BAMF führen sie zu einer deutlichen Verbesserung der Sprachkenntnisse, insbesondere bei geflüchteten Menschen, die weniger Möglichkeit haben, über Arbeit und soziale Kontakte Deutsch zu lernen. Und wie auch die Mehrheit der Deutschen anerkennt, ist Sprache der wichtigste Grundstein für Integration. Dass sich diese Wirkung auch in besseren Jobchancen zeigt, belegen Zahlen: Wer an einem Integrationskurs teilnimmt, ist schon ein Jahr nach Kursbeginn deutlich häufiger erwerbstätig. Die Beschäftigungsquote liegt um 4,4 Prozentpunkte höher als bei Personen ohne Kursteilnahme, nach 18 Monaten sogar um rund 12 Prozentpunkte. Gerade für Frauen erhöhen Integrationskurse laut Mediendienst Integration die Chancen, einen Job zu finden, erheblich. Auch darum formiert sich aus vielen Bereichen in Politik und Gesellschaft Widerstand gegen die Entscheidung der Regierung. Wie wirksam dieser ist, wird sich noch zeigen. Die Folgen einer misslungenen Integrationspolitik zeigen sich hingegen heute schon. Dass es nicht so sein muss, zeigt der Film “Ashayir”.
Zwischen Rap und dem Mythos von Kriminalität und Herkunft
“Ashayir – ‘Clans’, die eine und die andere Seite” ist ein Dokumentarfilm von Mutmacher-Filme, einer privaten Initiative von Filmemacherinnen und Filmemachern, die besonders die positiven Seiten in der Gesellschaft herausstellen. In knapp 90 Minuten erzählt “Ashayir” die Geschichte libanesischer Einwander:innen in Deutschland. Dabei gehen die Regisseur:innen Monika Rintelen und Hamid Merhi mit ihrem Titel fast plakativ auf eine hitzig geführte gesellschaftliche Debatte ein. Denn “Ashayir” ist der arabische Plural von Stamm oder Großfamilie.
Ein Wort, das viele Menschen mit Kriminalität und Gewalt verbinden würden. Aber in dem 2024 veröffentlichten Film geht es um Menschen mit Migrationshintergrund, die Teil dieses Landes sein wollen und sind. Trotz der Hürden, die in der Dokumentation mehr als deutlich werden. Dazu gehören: Bürokratie, fehlende Arbeitserlaubnis und Staatsangehörigkeit – und das zum Teil seit Jahrzehnten.
Die Frage nach Heimat und Herkunft
Der Film porträtiert Menschen, deren Familien mehrmals fliehen mussten – zunächst aus dem türkischen Mardin in den Libanon, um politischer Verfolgung und Armut zu entkommen, später, als der Krieg ausbrach, vom Libanon nach Deutschland. So wie die Familie von Diana Siala. Gemeinsam mit Regisseurin Monika Rintelen reist nach Mardin in die Türkei, um das Haus von Dianas Großeltern zu finden, von dem sie nur ein Foto hat. Auf der Suche nach ihren Wurzeln treffen beide auf Menschen, deren Geschichten von Flucht und der Suche nach Heimat gekennzeichnet sind.
Sie alle jedoch eint, dass sie fest in Deutschland verankert sind, ihre Wurzeln dabei aber nie verloren haben. Dabei zeigt “Ashayir” die Frustration vieler Menschen, die noch immer um Akzeptanz kämpfen müssen, obwohl sie zum Teil hier geboren sind oder sich in der Gesellschaft engagieren. Diese Frustration aufgrund gescheiterter Integrationspolitik kann zu Parallelstrukturen und der Bildung von ‘Clans’ führen, ja. Doch “Ashayir” porträtiert vor allem Menschen, die sich trotz aller Hürden aktiv in verschiedenen Bereichen des Lebens in Deutschland einbringen – wie die Rapperin Lamina oder Zayna, die Lehrerin werden will.
Beide Seiten kommen zu Wort
In dem Film kommen nicht nur Menschen mit libanesischer Migrationsgeschichte zu Wort, sondern auch Menschen wie Dr. Maria Lüttringhaus, die neben einer libanesischen Großfamilie gewohnt hatte. Neue Perspektiven? Ja. Reibereien? Vielleicht manchmal, aber nie großes Drama. Dr. Lüttringhaus war eine Anlaufstelle, die erklären, vermitteln und unterstützen konnte.
“Ashayir” erzählt etliche kleine Geschichten von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund. Was schnell klar wird: Alle Protagonisten wollen in dieser Gesellschaft dazugehören. Dafür haben sie sich durchgekämpft, sind bereit, in den Austausch zu treten und gegen Vorurteile anzugehen. Angesichts der aktuellen Beschlüsse, Integrations- und Sprachkurse einzustellen, könnten solche Geschichten in Zukunft seltener Wirklichkeit werden. Die Menschen haben gezeigt, dass sie den Willen haben, Teil der dieser Gesellschaft zu sein. Hat die Politik den Willen, ihnen das weiterhin zu ermöglichen?
Beitragsbild: unsplash
Ein Gespräch mit Elena Kountidou von den Neuen deutschen Medienmacher*innen